in 2019, Bücher

Colin Crouch – Postdemokratie

Das schönste an meiner Lektüre von Postdemokratie ist, dass sie nach der Europawahl in eine Zeit fällt, in der die Kernidee des Buches vollständig widerlegt wird – durch eine lebendige Zivilgesellschaft, die zu unvorhergesehenen Wahlergebnissen und neuen politischen Konstellationen und Perspektiven führt.

Wobei ich Colin Crouch damit eigentlich nicht gerecht werde, denn er warnt selbst davor, seine Schilderungen allzu ernst zu nehmen: „Wir müssen uns davor hüten, die Bedeutung dieser Vorgänge zu übertreiben“, schreibt er etwa in seinem Kapitel zum „Phantomunternehmen“, das in der Tat mit 99 Prozent des Wirtschaftsgeschehens nicht das geringste zu tun hat.

Damit ist auch eines der grundlegenden Probleme markiert, die ich mit seinen Thesen habe: Sie sind kaum falsifizierbar. Es lassen sich im Grunde immer irgendwo „Teams professioneller PR-Experten“ finden, das Engagement der Bürger lässt sich immer aus irgendeinem Blickwinkel als „passiv, schweigend, ja sogar apathisch“ verbrämen, Politik wird immer auch „hinter verschlossenen Türen gemacht“ und sie wird immer auch „die Interessen der Wirtschaft vertreten“. Solche Sätze kann man eigentlich nur formulieren, wenn man Politik für einen Monolithen hält, der keine unterschiedlichen Akteure mit widerstreitenden Interessen zulässt, die unterschiedliche Dinge zur gleichen Zeit tun – wenn man die Möglichkeit von Demokratie also eigentlich ausschließt.


Dabei darf der Einfluss von „Postdemokratie“ nicht unterschätzt werden. Nahezu alle darin vertretenen Konzepte, von der Lobbyismuskritik bis hin zu dem herablassend-paternalistischen Bild der Bürger gegenüber den Medien und der sich an Naomi Klein anlehnenden Unternehmensauffassung wird seit Jahren heruntergebetet, wenn es um besonders schlichte politische Kritik geht. Anfangs noch in der politischen Linken und inzwischen, weiterentwickelt und mit anderen Begrifflichkeiten, weit darüber hinaus.

Postdemokratie führt einem damit in bedrückender Weise die Denkfaulheit und Unterkomplexität der (linken) politischen Philosophie der vergangenen Jahre vor Augen. Damit reiht es sich ein in die Fantastereien vom „kommenden Aufstand“ und vom „linken Populismus“: allesamt wirkungslos bis schädlich.

Florian Meinel – Vertrauensfrage: Zur Krise des heutigen Parlamentarismus

Aufgrund einer Besprechung in der ZEIT ungehend erworben (Kindle, daher kein Titelbild), zügig durchgelesen und mit fast 200 Anmerkungen versehen. Ein Buch, mit dem ich mich noch lange beschäftigen werde und eine dringende Empfehlung an alle, die sich für Politik, parlamentarische Demokratie im Allgemeinen und insbesondere die deutsche interessieren. So etwas hätte ich gerne schon in meinem Studium der Politikwissenschaft gelesen.

Thomas Mann – Dr. Faustus

ich könnte es mir sehr einfach machen und feststellen, dass Doktor Faustus ein quälend langweiliger Schinken voll von Pappkameraden ist, die hereingeschoben werden, um hochtrabend-blasierte Diskurse zu Philosophie, Geschichte, Musik – vor allem Musik – zu führen und dann auf nimmer wiedersehen herausgeschoben werden.

Denn die bloße Handlung dieser Variation des Faust-Stoffes rechtfertigt ihre fast 700 Seiten nicht annähernd. Es wird geredet, philosophiert, es werden Teilnehmer noch eines und noch eines Herrensalons eingeführt, die dann reden und philosophieren, dass einem der Kopf schwirrt.

Aber natürlich täte ich diesem Alterswerk Thomas Manns damit unrecht. Denn auch mir als unbedarftem Leser verschloss sich nicht vollständig, dass es sich wohl um einen Gesellschaftsroman handelt, um eine Reflexion auf Kunst und Künstler, um eine Allegorie auf den Nationalsozialismus, wenn auch eine fragwürdige, denn die Nazis kamen nun nicht über die Deutschen, wie der Teufel über Faust.

Das steckt da sicher alles irgendwo drin;  dass es aber nicht einfach zu entschlüsseln ist, darauf verweist immerhin die Sekundärliteratur Die Entstehung des Doktor Faustus vom selben Autor, gewissermaßen der Roman zum Roman, heute würde man vielleicht Making Of sagen. Und werde ich das auch noch lesen? Ich fürchte ja …

Accountverzicht

Vor vielen Jahren habe ich mit ebenso großer Begeisterung wie Sorglosigkeit jeden Webdienst, jedes Online-Tool, das mir unterkam, ausprobiert. Daran erinnern mich heute die immer regelmäßiger eintreffenden Hinweise auf „Sicherheitsvorfälle“, oft von Accounts, die ich längst vergessen habe.

Eine Konsequenz daraus ist meine immens gewachsene Zurückhaltung, wenn es darum geht, mich irgendwo neu anzumelden. Mein Vertrauen in die Sicherheit von Logindaten ist dahin. Verlage oder Shops, die Käufe nur mit Account zulassen, meide ich; auf Webdienste, die ich nicht sicher brauche, verzichte ich. Verlagsangebote wie das der FAZ, wo man ein E-Paper einfach nur mit E-Mail-Adresse erwerben kann, schätze ich hingegen.

Und klar: Wenn ich mich irgendwo neu anmelde, dann mit sicherem Passwort über einen Passwortmanager. Aber machen Sie das mal auf dem Smartphone. Das sind selbstgewählte Hürden, die auch abeschreckend wirken.

Thomas Mann – Tagebücher 1933-1934

Der Reiz von Thomas Manns Tagebüchern – oder Tagebüchern im allgemeinen – ist schwer zu beschreiben. Oft sind die Einträge monoton-meditativ, der Tagesablauf aus Arbeit, Briefen, Spaziergängen und Besuch, immer wieder scharfe Kommentierungen zur politischen Situation in Deutschland, das regelmäßige Hadern mit dem und Zweifeln am jeweils im Entstehen begriffenen Werk – hier vor allem die Joseph-Romane.

Der Band setzt im März 1933 ein, als Thomas und Katja Mann in der Schweiz sind. Sie sollten in diesen beiden wie in den Folgejahren deutschen Boden nicht betreten, sondern diverse Hotels und Domizile in der Schweiz bewohnen, unterbrochen von einer Reise in die USA.

Die Situation war nachvollziehbar belastend, auch wenn die Manns zu keinem Zeitpunkt in finanzielle Schwierigkeiten gerieten, im Gegenteil. Jedoch auffallend: Thomas und Katja Mann nehmen ständig Schlafmittel.

Amüsant: Wie es ihn fuchst, dass ihn auf der Schiffsreise nach Amerika kaum einer der anderen Passagiere kennt – und sie ihn und Katja sogar zu meiden scheinen:

Schuld an dem Unbehagen ist vor allem das besonders niedrige geistige Niveau unserer Tischgenossenschaft. Ich kann mich gewisser Empfindungen der Beschämung angesichts der herrschenden völligen Unbekanntschaft mit meiner Existenz nicht entschlagen. Es fehlt an jeder orientierten Aufmerksamkeit auch vonseiten des Kapitäns.

Eintrag vom 28. V. 34, Dampfer Volendam

Einer Amerikanerin muss er einige seiner Buchtitel in den Block diktieren, was er kaum erträgt.

Thomas Mann – Tagebücher 1918-1921

Dieser Artikel hat mich dazu veranlasst, mich für Thomas Manns Tagebücher zu interessieren und die bislang höchst verlässliche Bochumer Stadtbibliothek hat sie tatsächlich alle. In den Jahren 1918/19 interessiert vor allem der historische Hintergrund, den Mann kommentiert, konkret die Revolution und alles, was sie in Gang setzt. Er hat gerade erst die Betrachtungen eines Unpolitischen veröffentlicht und ist in dieser Phase noch unzweifelhaft erzkonservativ und deutschtümelnd.

Ebenfalls interessant sein Ringen mit dem Zauberberg, den er in dieser Zeit zu schreiben beginnt und sich zu Beginn (Kapitel I u. II) mit ihm schwertut. Die folgenden Kapitel werden nicht mehr so häufig erwähnt, schienen ihm also leichter zu fallen. 

Deutlich hervor tritt in diesen Tagebüchern die immense Bedeutung, die der Briefverkehr noch im beginnenden 20. Jahrhundert hatte – insbesondere für Kultur, Wissenschaft und Philosophie. Briefe zu verfassen bzw. zu beantworten war für Mann täglicher und allem Anschein nach aufwändiger Programmpunkt und wichtig für den Austausch von Neuigkeiten, Meinungen, Einschätzungen der eigenen und der Arbeit anderer.

Erheiternd ist Manns unverkennbare Eitelkeit, besonders wenn es um eine Büste geht, die er von sich anfertigen lässt. Nachdem er sie unter Beachtung bester Lichtbedingungen zuhause aufgestellt hat, lässt er im Tagebuch kein Lob der „frappierenden Ähnlichkeit“ unerwähnt.

Musik gekauft: The Caretaker – Everywhere at the end of time

Drauf gestoßen bin ich beim Freitag:

Everywhere At The End of Time beschreibt über sechs Alben, veröffentlicht zwischen 2016 und 2019 im Abstand von je exakt sechs Monaten, die fortschreitenden Stadien von Alzheimer und Demenz.

Sehr elegisch auch die Kommentare bei Bandcamp:

There has never before been a comparable work that is so uniquely human in its message of nostalgia, fear, death, confusion, and loss.

Ebenda auch ein spannendes Interview mit dem Caretaker höchstselbst, Leyland Kirby – hier über Ballroom-Musik, die er bevorzugt versamplet:

The ballroom scene in The Shining is amazing as well, where this music appears from nowhere. Many, many years ago, in the late ’90s, it was impossible to find out what Kubrick used. He bought the rights to it, and it wasn’t available on any compilations.

Iain M. Banks – The Player of Games

Dieses Buch habe ich vor wenigen Jahren bereits gelesen, kann mich aber kaum daran erinnern. Das ist verblüffend, denn der zweite Band des Kultur-Zyklus von Iain M. Banks (das M. verwendete er wohl nur, wenn er Science Fiction schrieb) ist sehr sehr gut.

Überhaupt ist die anarchische, flamboyante Kultur wohl das beste Space Opera-Setting, das ich kenne. So müsste die Star Trek-Föderation aussehen, würde sie heute erfunden (der erste Kultur-Roman erschein allerdings auch schon 1987).

Heimlicher Protagonist von Player of Games ist Azad, ein fiktives Brettspiel epischen Ausmaßes, dessen Ausgang stets über die Besetzung von Spitzenämtern eines Imperiums entscheidet, mit welchem die Kultur vor einigen Jahrzehnten diplomatische Beziehungen aufgenommen hat.

Gurgeh, der Player of Games höchstselbst, entscheidet sich aus Langeweile – und um einem drohenden Skandal zu entfliehen – für die mehrjährige Reise in eben dieses Imperium, um am nächsten Azad-Turnier teilzunehmen. Denn er ist professioneller und außerordentlich guter Spieler – nicht von irgendwelchen Casino-Glücksspielen wohlbemerkt, in der Kultur wettet man ohnehin nicht mehr.

Bemerkenswert ist, wie über weite Strecken des Buches Spiele gespielt werden (allen voran eben Azad), ohne dass Banks seinen Leser.innen umfangreiche Infodumps aus Regelwerken zumutet – und es dennoch immer spannend bleibt. Zugleich ist Azad Spielfeld und Metapher der politischer Ideologien von Imperium und Kultur.

Detjen/Steinbeis: Die Zauberlehrlinge

Nach kaum 24 Stunden schon wieder ein Buch gelesen:

Endlich Licht ins Dunkel um den so genannten Rechtsbruch zu bringen versprach ich mir von diesem Buch von Stephan Detjen (Deutschlandfunk) und Maximilian Steinbeis (Verfassungsblog) und ich wurde nicht enttäuscht.

Die Autoren zeigen auf, wie dominant der Mythos vom Rechtsbruch seit 2015 in Deutschland ist. Zugleich führen sie durch die komplexen Rechtsstrukturen der Flüchtlingspolitik, die das Grundgesetz, Schengen, Dublin (I bis III), europäische Rechtssprechung und sicher noch andere Facetten umfassen, die ich vergessen habe.

Vor allem liefert das Buch Einblicke in die Funktionsweise des Rechts: „Recht ist keine Mathematik“, leiten Detjen und Steinbeis ihr neuntes Kapitel ein. Es lässt sich nicht ausrechnen, durchdeklinieren, oder in Form einer logisch-eleganten Beweisführung zum letzt- und allgemeingültigen Ergebnis führen.

Auch die Rechtsbruch-These habe sich „im Streit zu bewähren„. Zu diesem Streit leisten Detjen und Steinbeis einen wertvollen Beitrag, auch und gerade für Nichtjuristen wie mich.