in 2020, Bücher

Iain Banks – Use of Weapons

Use of Weapons ist wohl das anspruchsvollste Culture-Buch. Man muss nicht lange googlen, bis man auf den erzählerischen Trick stößt und ich gestehe: ich habs beim Lesen nicht so richtig kapiert.

Inhaltlich habe ich das Buch schon verstanden, aber sehr wahrscheinlich wäre der emotionale impact der Geschichte deutlich wichtiger, wüsste man, was Banks da versucht.

Spaß macht Use of Weapons trotzdem. So wie jeder Eintrag in die Culture, Banks‘ post-scarcity space opera mit den unterhaltsamsten KIs der science fiction.

Christian Baron – ein Mann seiner Klasse

Eine eindrucksvolle autobiografische Erzählung von der Kindheit und Jugend des Autors in bitterer Armut und von seinem trinkenden und prügelnden Vater, dem titelgebenden Mann seiner Klasse.

Das Buch wurde vielfach wohwollend rezipiert, weil es eine Lebensrealität darstellt, die in der Politik, in den Medien und in der Literatur kaum Gehör finde. Das trifft mit aller Wucht zu und ist alles andere als banal.

Zwei Dinge haben mich betroffen gemacht: Das Buch spielt nicht in den sechziger oder vielleicht siebziger Jahren, auch wenn die Schilderungen auf mich mitunter den Eindruck erweckten. Vielmehr ist der Autor wenige Jahre jünger als ich, verbringt seine Kindheit also nur leicht versetzt zu mir in den späten Achtziger, frühen Neunziger Jahren, nur eben unter völlig anderen Bedingungen.

Zweitens: Das Buch spielt in Kaiserslautern und schildert diese Stadt, zumindest einzelne Straßen und Viertel völlig anders als in meinem naiven Bild vom wohlhabenden Südwesten der Republik,

Matthew De Abaitua – The Destructives

Ein Buch, welches ich als sehr überragend in Erinnerung habe, das mich jetzt beim erneuten Lesen aber wenig begeistert hat.

Science Fiction, die künstliche Intelligenz thematisiert, mag ich ja sehr und Abaitua entwickelt einige faszinierende Ideen. Vielleicht liegt es daran, dass mir der Neuigkeitswert fehlt. Denn die Story als solche, die ist schon sehr seltsam aufgebaut mit einem Perspektivwechsel im letzten Drittel.

Ursula K. Le Guin – The Left Hand of Darkness

Zum Jahresauftakt einfach mal wieder Le Guin lesen: Unbezahlbar. Anlass war dieser Artikel über den Hainish-Cycle, zu dem Left Hand wie auch The Dispossessed und auch The Telling zählen:

Ursula K. Le Guin left us with a wealth of stories and universes, but my favorite might be her Hainish cycle. I recently read, or re-read, every single novel and short story in the Hainish universe from beginning to end, and the whole of this story-cycle turned out to be much more meaningful than its separate parts.

last.fm 2019

Wie an jedem letzten Tag des Jahres lasse ich auch heute das vergangene Musikjahr Revue passieren und nutze dafür mein Profil bei last.fm. Zu den älteren musikalischen Jahresabschlüssen geht es hier.

In diesem Jahr habe ich sehr unerwartet (den Anlass erinnere ich tatsächlich nicht mehr) nach vielen Jahren Guided by Voices wiederentdeckt. Und wenn man erst mal anfängt, die unzähligen Alben voll mit sehr vielen Songs, Songskizzen und Songfragmenten zu hören, dann kommt auch schnell eine stattliche Zahl zustande.

Früher hörte ich bevorzugt die etwas geschliffeneren GbV mit Songs wie The Best of Jill Hives oder Useless Inventions. In diesem Jahr lernte ich die Beatles des LoFi erst richtig kennen und schätzen und hörte die Alben Bee Thousand und Alien Lanes exzessiv.

Ebenfalls eine Wiederentdeckung nach langer Zeit: DJ Shadow. Der veröffentlichte dieses Jahr etwas neues, was mir zwar nicht gefiel, aber Anlass gab, die Endtroducing und vor allem die noch etwas ältere Kollektion früher Singles Preemptive Strike viel zu hören. Wahre Sampling-Meisterschaft.

Und die dritten im Bunde, was die Rückbesinnung auf Vergangenes betrifft, sind die Talking Heads. Für die gilt zwar nicht, dass ich sie lange nicht gehört hätte, aber zumindest habe ich mich 2019 besonders auf die drei Alben More Songs about Buildings and Food, Fear of Music und Remain in Light konzentriert- vor allem das wirklich herausragend gute letztgenannte.

Aus dem vielen Ambient, den ich in diesem Jahr gehört habe, sei ganz besonders die Kollektion Kankyō Ongaku: Japanese Ambient, Environmental & New Age Music 1980​-​1990 hervorgehoben und von ihr der klösterliche Zen-Track Ishiura; nicht umsonst mein meistgehörter Titel 2019:

Aus der Abteilung indierock geht die Krone an Fontaines D.C. aus Irland. Die hinterließen zwar keinen so bleibenden Eindruck wie Shame im vergangenen Jahr, sehen aber immerhin so aus wie Oasis Mitte der Neunziger:

Groß war die Freude in Kreisen, die sich noch für Noise Rock interessieren, über Black Midi: Kaum adoleszente Herren, die scheinbar mühelos an die alten Albini-Bands anknüpfen. Mich haute es nicht so wahnsinnig um, aber BMBMBM ist schon ein verteufelt guter Track:

Und hier nun also mit unumstößlicher Genauigkeit die Top50 der meistgehörten Bands und Künstler im Jahr 2018:

1 Guided by Voices 464
2 Talking Heads 219
3 Tortoise 183
4 DJ Shadow 164
5 The Caretaker 140
6 Billie Eilish 100
7 Beak> 94
8 Autechre 89
9 Broadcast 63
10 Cocteau Twins 63
11 Lower Dens 63
12 Talk Talk 62
13 Radiohead 60
14 Fontaines D.C. 57
15 Ben Rath 49
16 Lali Puna 48
17 Matthijs Kouw 45
18 Monolyth & Cobalt 45
19 Run the Jewels 45
20 Stereolab 44
21 Øjerum 43
22 Simon Pyke 43
23 Daniel K. Böhm 42
24 OG Keemo 39
25 Richard Ginns 39
26 Sun Ra 38
27 Clinic 37
28 black midi 36
29 Blur 34
30 Die Heiterkeit 34
31 Georgia Anne Muldrow 34
32 Kim Gordon 34
33 Moss Covered Technology 34
34 Autistici & Justin Varis 32
35 Kendrick Lamar 32
36 The Notorious B.I.G. 32
37 The Volume Settings Folder 32
38 Aphex Twin 31
39 Ian Nyquist 31
40 Ms. Lauryn Hill 31
41 Cicely Irvine 30
42 Mantle 30
43 OFFTHESKY 30
44 Joy Division 29
45 Bill Seaman 28
46 Die Nerven 28
47 Kummer 26
48 Daniel W J Mackenzie 25
49 Grimes 25
50 Lake Mary 25

Es folgen die Top20 der meistgehörten Songs und Titel:

1 Ishiura (abridged) Toshi Tsuchitori 16
2 Born Under Punches (The Heat Goes On) – 2005 Remaster Talking Heads 15
3 The Great Curve – 2005 Remaster Talking Heads 14
4 Boys in the Better Land Fontaines D.C. 13
5 Crosseyed and Painless – 2005 Remaster Talking Heads 13
6 Allé Sauvage Beak> 12
7 bmbmbm black midi 12
8 The Dao Is Achieved Through Discipline Matthijs Kouw 12
9 The Goldheart Mountaintop Queen Directory Guided by Voices 11
10 Teisco Beak> 10
11 Too Real Fontaines D.C. 10
12 Buzzards and Dreadful Crows Guided by Voices 10
13 Hot Freaks Guided by Voices 10
14 Tractor Rape Chain Guided by Voices 10
15 The Being-within-form Is The Mother Of The Myriad Things Matthijs Kouw 10
16 Houses in Motion – 2005 Remaster Talking Heads 10
17 Once in a Lifetime – 2005 Remaster Talking Heads 10
18 all the good girls go to hell Billie Eilish 9
19 when the party’s over Billie Eilish 9
20 wish you were gay Billie Eilish 9

Die Zehnerjahre musikalisch Part IV

Teil 1 | Teil 2 | Teil 3

Ist das hier die Resterampe? Keinewegs, das hier sind vor allem die zwei besten Hiphop-Alben des Jahrzehnts – beides allerdings keine Überraschungen für Kenner des Genres, nehme ich stark an.

Triclops! – Helpers On The Other Side

Aber beginnen wollen wir mit den einzigen Vertretern härterer Musik in dieser Auflistung, Triclops!, von denen ich nicht das geringste weiß, außer, dass sie vollkommen überdrehten Progrock mit Punk-Einschlag, oder umgekehrt machen.

Kendrick Lamar – To Pimp a Butterfly

Was soll ich hierzu groß schreiben? Ein Meisterwerk. Man muss dieses Album hören und nochmal hören und nochmal und immer wieder hören. Es ist brillant und berührend.

Run The Jewels

Das erste Run The Jewels-Album hingegen war vermutlich keine lyrische Offenbarung, aber in Sachen Produktion und Reimkunst für meinen begrenzten Rap-Horizont eine Offenbarung. Außerdem das beste, wenn es um Motivation und Antrieb geht.

Radiohead – The King of Limbs

Achja, Radiohead. The King of Limbs ist für mich so etwas wie ihr Zen-Album, was vor allem die Live-Darbietung von Songs wie Bloom spüren ließ. Die From the Basement-Aufnahmen haben mir ungemein geholfen, das Album wirklich schätzen zu lernen:

Und dann war da noch Separator, der die Tradition überirdisch guter Schlusssongs fortsetzt – und den ich ohne Weiteres in die Top10-Radiohead-Songs einreihen würde:

Jörg Fauser – Der Schneemann

Spontan aus dem Regal gezogen, weil mich interessierte, wie dieser Fauser schrieb und gut unterhalten worden. Ab der zehnten schummrigen Bar mit zwielichtigen Typen drin wurde es nur ein wenig monoton.

Aber Westdeutschland der achtziger Jahre in diesen hard boiled-Stil geschrieben zu lesen macht schon Spaß. Es fallen Sätze wie „Ich stellte mich in einen Tchibo und las die Zeitung“ und das ist natürlich sehr sehr schön.

Die Zehnerjahre musikalisch Part III

Teil 1 | Teil 2

Menomena – Mines

In dieser Ausgabe bündle ich alles, was man unter Indiepop/-rock einsortieren kann. Eine Sparte, die ich in den vergangenen Jahren immer mehr vernachlässigt habe, die ich aber in den ersten paar der Zehnerjahre obsessiv gehört habe – vor allem die fünf Alben dieser Auflistung.

Menomena klangen immer ein wenig mechanistisch, so als würden sie am Reißbrett komponieren. Ich meine mal gelesen zu haben, dass sie dafür sogar irgendeine Software programmiert haben.

Auf Mines und bsonders mit dem unten vorgestellten munter sprudelnden Song TAOS haben sie diese Strukturbetonung hervorragend konterkariert.

Suuns – Images Du Futur

Tolle, düster wabernde Psychedelic-Popper. Seitdem komplett aus den Augen verloren, aber mindestens die Hälfte der Songs auf der Images… waren HITS:

Lower Dens – Nootropics

Aber kein Hit war größer als Brains! Und Lower Dens sind zudem die einzige hier aufgeführte Band, die ich aktiv weiterverfolgt habe. Erst in diesem Jahr haben sie mit The Competition sehr gut nachgelegt.

Disappears – Guider

Das hier ist nicht nur Indierock mit der Betonung auf Rock, sondern die krautigste Variante davon, die mir in den letzten zehn Jahren untergekommen ist. Wunderbar:

Blake Crouch – Recursion

Dass sie neulich diesen Pilzinfektionsklamauk so abgefeiert haben, nehme ich den Gebrüdern vom Future Ltd.-Podcast ja schon ein wenig übel. Aber in ihrer jüngsten Folge haben sie es dennoch erneut geschafft, mir ein Buch schmackhaft zu machen. Und wie recht sie hatten!

Ich versuche erst gar nicht, den Inhalt wiederzugeben. Aber vielleicht helfen Vergleiche, was den Wow-Faktor betrifft: Recursion zog mir ungefähr in dem Maße die Schuhe aus, wie Inception. Oder der erste Matrix-Teil. Oder Ted Chiangs Story of Your Life, der von mir oft gewürdigten Vorlage des Arrival-Films.

Überhaupt, Chiang … wenn man Crouch liest, und ich kannte ihn vorher überhaupt nicht, dann nimmt man eine gewisse Verwandtschaft zu Ted Chiang war: Beide sind Meister darin, große SciFi-Konzepte zu erdenken und in ihren Konsequenzen durchzudeklinieren. Crouch ist aber der bessere Storyteller. Chiang ist halt oft doch etwas fad. Nicht umsonst kleidet er einige seiner Short Stories in pseudo-journalistische Formate.

Recursion ist jedenfalls die beste SciFi, die ich seit vielen Jahren gelesen habe und Anwärter für mein persönliches Buch des Jahres. Und am Future Ltd.-Podcast werde ich nie wieder zweifeln.