in 2019, Bücher

Frank Herbert – Dune Messiah

Seltsam, ich war sicher, diesen Band vor nicht allzulanger Zeit im Anschluss an Dune selbst gelesen zu haben, konnte mich an die Handlung aber kaum erinnern.

Bei Mesiah von Handlung zu sprechen ist allerdings eine Herausforderung, denn vieles verschwimmt in langen, philosophielastigen Dialogen und opaken Visionen.

Dennoch gefällt mir der Band sehr gut. Man versteht, warum gerade jetzt eine neue Dune-Verfilmung (von Denis Villeneuve) ansteht, wenn man der vielen Ähnlichkeiten zum Game of Thromes-Stoff gewahr wird: Viele Fraktionen, Intrigen, ein großer Cast und eine schon recht komplexe Fantastik-Welt. Dune wird zwar ziemlich klar der Science Fiction zugerechnet, aber darum scheint sich Herbert sympathischerweise nie geschert zu haben.

Stephen King – It

Weil ich mit The Shining ja durchaus etwas anfangen konnte, griff ich zu dem King schlechthin und … naja. Bei Shining gefiel mir das Kammerspielartige ja sehr. It enthält hingegen immens viele Figuren und King macht eine überwältigende Fleißarbeit daraus, jeder und jedem eine passable Hintergrundgeschichte zu schneidern.

Was auch selten passiert: Dass ich bei einem Buch nach hinten raus zunehmend die Lust verliere. Aber die unvermeidlichen Konfrontationen mit It lesen sich einfach nicht besonders spannend. Außerdem fand ich viele der Gestalten, in denen It erscheint, ein wenig albern. Ist das in den Verfilmungen eigentlich auch so, dass It längst nicht nur als Clown erscheint?

Podcasts 2019

Bis in den Mai diesen Jahres hielt ich eine ziemlich strenge Podcast-Routine ein, die auch, aber nicht ausschließlich darin bestand, jeden Morgen (zum Frühsport und -stück) die Sendungen Hintergrund und Europa Heute des Deutschlandfunks, den Podcast Der Tag derselben Sendeanstalt sowie das WDR5 Politikum zu hören. Das hatte ich bis dahin auch drei bis vier Jahre so eingehalten, ein liebgewonnenes Ritual, das ich recht spontan aufgegeben habe. Vielleicht passt es nach dem Umzug nach Bochum einfach nicht mehr in den Tagesablauf, vielleicht war der Informationswert auch einfach zu niedrig (niedrig war er auf jeden Fall, aber das ist ein eigenes, schwieriges Thema).

Jedenfalls habe ich mir seitdem zu eigen gemacht, nur noch Sendungen zu hören, von denen mich das Thema tatsächlich interessiert. Gerade heute bin ich dabei auf drei für mich neue Podcasts gestoßen, die mich sehr begeistert haben:

Sicherheitshalber:  Der Podcast zur sicherheitspolitischen Lage in Deutschland, Europa und der Welt, unter anderem mit dem mir schon länger bekannten Journalisten Thomas Wiegold. Die derzeit aktuelle Folge 15 (Chinas sicherheitspolitische Fähigkeiten und Ambitionen) weist vor allem dank des Gastes Dr. Sarah Kirchberger eine unfassbare Dichte an Information auf und ist hochinteressant – auch wenn man glaubt, sich nicht für Sicherheitspolitik zu interessieren (wie ich), oder interessieren zu müssen.

Future Ltd Der Science Fiction Podcast: Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich die Stimme und den Namen des Moderators Max v. Malotki zuordnen konnte, tatsächlich kenne ich ihn aber gut vom oben genannten WDR5 Politikum. Hier kann er nach Herzenslust den Nerd raushängen lassen. Seine Hörfunkerfahrung kommt dem Podcast natürlich zugute, aber auch hier machen interessante Gäste wie Sebastian Ko in der Marvel/MCU-Episode den feinen Unterschied.

Ähnliches gilt für den Indiefilmtalk, der mich mit seiner Folge zur Thematik Künstliche Intelligenz und dem immens kompetenten und interessanten Gast Christoph Dobbitsch überzeugte.

Was mir dabei gerade auffällt: Die oben genannten Hörfunkprogramme rufen, wenn es um externe Kompetenz geht, immer Hochschulprofessoren oder andere „Experten“ an. Das ist aber anscheinend nicht immer das selbe wie Menschen, die leidenschaftlich für ein Thema brennen (dass es dabei Schnittmengen gibt, beweist wiederum Frau Kirchberger im Sicherheitshalber-Podcast). Aber auch die Zeit macht den Unterschied: Wenige Minuten pro Gespräch wie bei Der Tag oder dem Politikum, oder eine gute Stunde, wenn nicht gar neunzig Minuten?

Ted Chiang – Exhalation

Ted Chiang ist der Großmeister der Science Fiction-Kurzgeschichte, der durch dem Film Arrival – der Adaption einer seiner Storys – einem breiterem Publikum bekannt wurde.  Chiang arbeitet legendär langsam; seit 1990 hat er erst 15 Geschichten veröffentlicht und die neue Sammlung enthält entsprechend einge Storys, die schon an anderer Stelle veröffentlicht wurden und die ich schon kannte. Unter den neun Geschichten waren vier für mich neue von denen keine enttäuschte und die meisten begeisterten.

Besonders hervorheben möchte ich mit Anxiety is the Dizzyness of Freedom die abschließende Story des Buches, die so atemberaubend ist wie zuletzt Story of Your Life – die Vorlage für Arrival. Das SciFi-Konzept dieser Geschichte ist einigermaßen kompliziert und fantastisch – es umfasst Parallelwelten zwischen denen und mit sich selbst man kommunizieren kann – wird aber schnell verständlich gemacht. Chiang verstand sich schon immer darauf, hochtrabende Science Fiction-Konzepte im Alltag und Leben normaler Menschen emotional zu verankern, mit dieser Geschichte gelingt ihm aber sein Meisterstück, was das betrifft. Wenn ich mir eine Verfilmung (am liebsten in Serienform) wünsche, dann hiervon.

J. Josefson rezensiert den Band in der stets empfehlenswerten Science Fiction & Fantasy-Rundschau des Standard. Eine englischsprache Rezension von Adam Roberts für den Guardian findet sich hier.

Die hämische Polemik der vollen Flughäfen trotz „Greta-Effekt“

Screenshot von tagesschau.de

Sie greift zum Beginn der Sommerferien – zumindest in NRW  – erwartbar um sich, die hämische Polemik der vollen Flughäfen und Staus auf den Autobahnen. Was hat Fridays for Future eigentlich erreicht? Offenbar gar nichts. Und warum liegt da eigentlich noch Müll am Rand der Schulwege (kein Witz, sondern ein Leserkommentar)?

So wird politisches Engagement runtergebrochen auf individuelles Verhalten, das man doch einfach anpassen könnte, wofür man aber zu bequem sei. Es wird entpolitisiert und zu einer moralischen Frage aufgeladen, der kein Mensch standhalten könnte. Und ironischerweise wird die „Klimareligion“ so viel inbrünstiger von den Gegnern der Umweltbewegung praktiziert als von ihren Vertretern.

Die „Klimareligion“ wird viel inbrünstiger von den Gegnern der Umweltbewegung praktiziert als von ihren Vertretern.

Die junge Generation, die derzeit for future demonstriert, stellt demografisch eine vernachlässigbare Minderheit dar – das haben wir gerade erst bei der Europawahl wieder gelernt. Genau deshalb sind sie ja so laut. Wären sie eine gesellschaftliche Mehrheit, könnten sie ihren Mehrheitswillen deutlich einfacher realisieren. Auch 20,5 Prozent Grünwähler stellen keine Mehrheit der Wählenden dar, geschweige denn der Bevölkerung.

Wie war das eigentlich in anderen politischen Bewegungen?

Die Umweltbewegung war immer auch eine politische Bewegung, eben weil sie die politischen Rahmenbedingungen ändern will, denen individuelles Verhalten unterliegt. Anders geht das nämlich nicht: Würden persönliche Apelle und Aufrufe zum richtigen Verhalten in der Breite funktionieren, könnten wir uns unser politisches System sparen. Darum kämpft FFF dezidiert für politische Veränderungen.

Politische Zielsetzungen lassen aber abweichendes Verhalten zu. Wenn Unternehmensgründungen gefördert werden, darf man dennoch abhängig beschäftigt bleiben. Wenn Fliegen stärker besteuert würde, dürfte man immer noch fliegen.

Wie war das eigentlich in anderen politischen Bewegungen? Wurden in der Sozialdemokratie ständig politische Ziele auf individuelles Verhalten reduziert? Wurde vor Kaufentscheidungen recherchiert, ob der Hersteller einen Betriebsrat hat und gute Löhne zahlt?

Thomas Mann – der Zauberberg

Unglaublich ist, wie sich am Ende, im wirklich allerletzten Kapitel, alles fügt.

Aber bis dahin …

… ist der Zauberberg ein Buch das über weite Teile anmutet wie eine reine Fleißarbeit des Autoren: Nochmal hundert Seiten über gar nichts hinten dran? Kein Problem.

… und eine Herausforderung und Zumutung für Leser*Innen: Schon wieder Settembrini und Naphta und ihre nicht enden wollenden Gespräche über (was eigentlich?). Da ist Hans Castorps Schwärmerei für die Chauchat schon einer der fesselndsten Teile des Werkes.

Aber das Ende …

Technologie und Überwachung

Eine Reihe von Artikeln, Zitaten und Beobachtungen der vergangenen Tage:

„[T]he more I look around, the more it seems like an American social credit system is springing up around us“ – so Casey Newton im The Interface-Newsletter vom 26. Juni.

Nur drei von diversen Beispielen, die er nennt:

  • In May, Uber said it would begin to ban passengers with low ratings.
  • The same day the Uber report came out, Susie Cagle profiled PatronScan, a company that aggregates lists of people who have been banned from bars and shares that information with other establishments.
  • Dartmouth researchers this week announced a system for measuring employee performance using a smartphone, fitness bracelet, and custom app.

Dazu passt, was Adrian Daub in der NZZ über das Netzwerk Nextdoor schreibt:

Nextdoor heisst die weltweit grösste Nachbarschafts-App. Wenn sich die Menschen gegenseitig helfen, ist dies eine tolle Sache. Doch aus der Hilfe für Nachbarn wird schnell eine Überwachung aller Nichtnachbarn: In San Francisco lässt sich beobachten, wie sich die Stadt in homogene Gruppen auseinanderdividiert.

Und passt dazu auch, was Benedict Evans hier in einem Twitter-Thread schreibt?

Sometimes saying that Google or Facebook control what happens on their platforms seems a little like saying that a government controls what happens in a country or a central bank controls an economy. They have levers to channel behavior, but those levers are not precise.

Stephen King – The Shining

Weil ich gewahr wurde, dass es eine Fortsetzung namens Doctor Sleep gibt (die gerade verfilmt wurde) las ich zum ersten Mal King – und bin überrascht, wie gut er schreibt. Die Schilderung der von vielen kleinen und großen Traumata geplagten Kleinfamilie hätte mich auch schon ohne Horror-Elemente überzeugt.

Natürlich konnte ich das Buch nicht ohne die Kubrick-Verfilmung im Hinterkopf lesen: Die Geschichte auf das wesentlichste zu reduzieren und so aus einem schon sehr guten Buch einen noch besseren Film zu machen ist eindrucksvoll.