in ★★★☆☆, 2022, Bücher

Kim Stanley Robinson – The Ministry for the Future

Kim Stanley Robinson beschreibt in The Ministry for the Future, wie die Menschheit mit dem Klimawandel umgeht. Das Buch ist eine Art fiktionale Dokumentation, die zwischen den sporadischen romanhaften Erzählungen der beiden Protagonisten aus Sitzungsprotokollen, Augenzeugenberichten namensloser Ich-Erzähler und Infodumps zu ökonomischen Konzepten und Glaziologie besteht.

Ehe es besser wird, wird es schlimmer. Und besser nur, wenn dafür harte politische Entscheidungen auf globaler Ebene getroffen werden. Schilderungen, wie die zustande kommen, nehmen großen Raum in dem Buch ein. Das trägt zu seinem immensen Realismus bei, was mir gefallen hat.

Dann allerdings gab es einen wirklich großartigen Schlusspunkt in der Erzählung, bei dem ich überzeugt war, dass ich nach dem Umblättern ein langer Anhang oder ähnliches beginnen würde. Allerdings geht die Geschichte danach noch sehr sehr lange weiter und wurde eher ermüdend und zäh.

Friedhelm Schäffer, Oliver Nickel – Die Lebensgeschichte des Ferdinand Matuszek

Diese Art von Büchern, die Lebensgeschichten von Zwangsarbeitern wie Ferdinand Matuszek und anderen Opfern des Dritten Reichs festhalten, ist unendlich wichtig.

Matuszek wurde nach Ostwestfalen (wo ich aufwuchs) verbracht, so dass ich einige der Orte kenne; das war zugegebenermaßen auch der Grund für die Lektüre.

Das Buch ist aber auch ganz ohne „Lokalkolorit“ eine wichtige und gute Aufarbeitung der Zwangsarbeit in Deutschland, von der es auch in meinem familiären Umfeld oft hieß, sie hätten es ja gut gehabt.

Judith Hermann – Sommerhaus, später

Der Name Judith Hermanns fiel in den letzten Wochen aufgrund von Poetikvorlesungen, die sie in Frankfurt absolviert hat. Das nahm ich zum Anlass, um nach ein Vierteljahrhundert den Kurzgeschichtenband Sommerhaus, später wieder aus dem Regal zu ziehen.

Seltsamerweise konnte ich mich an einen Teil der Geschichten sehr gut, an die übrigen hingegen überhaupt nicht erinnern. Ebenfalls nicht mehr präsent war mir deren wirklich erstaunliche literarische Qualität, die wirkt ohne anstrengend zu sein.

Und die verstrichene Zeit seit Verfassen und Erscheinen – immerhin fünfundzwanzig Jahre? Vielleicht wären so offenkundig weiße thirtysomething Mittelstandsmenschen, die mal gar keinen und mal entspannten künstlerischen Berufen anstrengungslos nachgehen, so nicht mehr ohne Weiteres möglich. Berlin wäre wohl wesentlich präsenter (und nerviger) mit mehr Namen von Bezirken, Straßen und Lokalen, das ist hier zum Glück noch nicht so.

Eigentlich weiß ich aber verblüffend wenig darüber, was und wie moderne deutsche Literatur eigentlich so schreibt. Ein Umstand, den es zu ändern gilt, aber vorher lese ich noch mehr von Judith Hermann.

Alex Hochuli, George Hoare, Philip Cunliffe – The End of the End of History: Politics in the Twenty-First Century

So wohltuend ich Przeworskis Krisen der Demokratie fand, so einen eher schalen Nachgeschmack hinterlässt Das Ende des Endes der Geschichte dieser drei Autoren. Die Prämisse ist ja interessant: Das Ende der Geschichte, wie es von Francis Fukuyama 1989 postuliert wurde, bedeutete den Sieg der liberalen Demokratie nebst Kapitalismus als der letztgültigen Ordnungsform von Gesellschaft. Diese Phase sei mit dem Schicksalsjahr 2016 zu einem Ende gekommen.

Das heißt nun nicht so sehr, dass es nun wieder um etwas geht, denn so klar umreissen die Autoren den neuen Gegner der liberalen Demokratie nicht. Es handelt sich wohl um die wolkige Anti-Politik, die Ablehnung jeglicher Politik und ihre Verbrämung als elitärem, korruptem „Sumpf“.

Es ist genau diese Verunklarung von Begriffen, von Anti-Politik über die Post-Politik – angelehnt an Crouchs Non-Konzept Postdemokratie – gegenüber einer irgendwie gearteten wahren Politik (unter der die Autoren andeutungsweise Klassenkampf verstehen), die das Buch für mich eher unzugänglich macht. Das gipfelt im Schlusskapitel, in dem dargelegt wird was passieren wird; genau die Art von Prognostik, von der ich im gesellschaftlichen Bereich so gar nichts halte.

Immerhin machen die Autoren keinen Hehl daraus, wo sie stehen: Die Gelbwesten seien die plausiblere Massenbewegung als der Klimastreik, Antifaschismus sei heute im Wesentlichen eine Waffe gegen die Arbeiterklasse und Intersektionalismus sei politischer Narzissmus.

So kann man wenigstens festhalten, dass richtige Politikwissenschaftler wie Przeworski dann doch einen qualitativen Unterschied machen. Die lassen sich zu solchen erdrechselten Meinungsäußerungen nämlich gar nicht erst hinreißen.

Paul Cornell – Rosebud

Nun, das war seltsam. Aber immerhin kurz. Die digitale Crew eines milimetergroßen Raumschiffs stößt auf ein Big Dumb Object in Form einer schwarzen Kugel, das in durchaus interessanter Weise Zeit manipulieren kann. Konfus, aber auch unterhaltsam.

Ancora tu

Eric Pfeil schrieb bis vor Jahren sehr klevere Kolumnen über Musik, Bands und Künstler für die FAZ. Die habe ich sehr gerne gelesen. Als er damit aufhörte, verlor ich ihn aus den Augen.

Vor ein paar Tagen stieß ich – ich glaube über den Perlentaucher – auf ein Interview, welches das Kaput Magazin (das ich irritierenderweise mit dem Katapult Magain verwechselte) mit ihm anlässlich eines von ihm verfassten Buches führte. Wie der Titel „Azzurro. Mit 100 Songs durch Italien“ unschwer verrät, handelt es von italienischer Musik, vorwiegend Popmusik.

Das ist nun ein Genre, das ich bislang eher aus der Distanz verfolgt habe. Ich hatte in den vergangenen Jahren ein mildes Interesse verspürt, allein, mir fehlte der Zugang. Den hat Eric Pfeil mit diesem Interview (das Buch werde ich lesen) eröffnet. Nahezu alle darin eingebundenen Videos und empfohlenen Songs sind großartig. Am allergroßartigsten ist jedoch dieses Lied, Ancora Tu von Lucio Battisti.

Mir war vollkommen unmöglich, dieses Lied zeitlich einzuordnen. Es könnte so 2021 oder 1982 oder irgendwann dazwischen erschienen sein. Tatsächlich ist es von 1976.

Adam Przeworski – Krisen der Demokratie

Adam Przeworski zählt wohl zu den hochkarätigeren noch tätigen Politikwissenschaftlern. Der Zunft also, die sich in den vergangenen Jahren wohl häufiger gefragt hat, was eigentlich gerade los ist – und die aus meiner Sicht nicht besonders gut darin war, Antworten zu liefern.

In Krisen der Demokratie unternimmt Przeworski einen durchaus gelungenen Versuch. Nah am Forschungsstand, aber auch mit angemessen kritischer Distanz untersucht er, was Demokratien stabilisiert und destabilisiert. Die Antwort in Kurzform: It’s the economy, stupid.

Das finde ich ausgesprochen wohltuend, weil ich die Forschung zur Konsolidierung von Demokratie immer recht nahe an Wenn der Hahn kräht auf dem Mist empfunden habe: Eine Vielzahl von Dimensionen, von Kultur und Religion bis hin zu Klima und Geographie, könnten Einfluss auf den Bestand einer Demokratie haben, müssen das aber nicht. Die einzige wirklich belastbare Kategorie sei die wirtschaftliche Entwicklung und der Grad an Verteilungsgerechtigkeit, wie Przeworski unter Bezug auf zahlreiche empirische Befunde nachweist. Und um beides – Entwicklung und Gerechtigkeit – sei es in den vergangenen Jahrzehnten schlecht bestellt:

Trotz Kriegen und Wirtschaftskrisen gab es in den vergangenen 200 Jahren keinen einzigen 30-Jahres-Zeitraum, in dem die Durchschnittseinkommen sanken. Wenn die Menschen heute die Zukunftsaussichten ihrer Kinder als schlecht einschätzen, könnten wir es also mit einer historisch einmaligen Verschiebung zu tun haben.

Auch wenn der Autor diese These vielfach belegt, so nimmt er immer auch wieder kritische Distanz ein: Wir wissen nicht, ob eine Kausalität vorliegt, in welche Richtung sie weist und welche Drittvariablen sie überformen. In besonderer Weise kommt es natürlich auf handelnde Personen an. Aber auch das weiß man immer nur hinterher.

So ist Krisen der Demokratie eine lohnenswerte Kurzstudie und Politikwissenschaft im besten Sinne: Sich nicht im Labyrinth der Empirien mit zweifelhafter Aussagekraft verirrend, mit klaren Begrifflichkeiten und eben kritisch.

Ein wenig erstaunte mich das vielfach schlechte Lektorat. Angefangen bei in die Zwischenüberschrift gerutschten Absätzen, verunglückten Quellenangaben wie „Autor et. al. (1997)“ und schlichten Rechtschreibfehlern schien der Band in der mir vorliegenen Auflage doch sehr mit heißer Nadel gestrickt.

Dietrich Bonhoeffer – Widerstand und Ergebung

Wer war eigentlich Dietrich Bonhoeffer, nach dem in Westdeutschland wohl jedes zweite Gemeindehaus benannt ist? Kirchenmann, Widerstand – das wusste ich.

Ob diese Sammlung von Briefen und anderen Texten aus der Untersuchungshaft Bonhoeffers bis zu seiner Hinrichtung die Frage wirklich beantwortet, mag wiederum fraglich sein. Schließlich mussten die Briefe der Zensur genügen, zudem war Bonhoeffer auch erkennbar bemüht, seine Familie zu beruhigen, ihr „das Herz zu erleichtern“, wie Eberhard Bethge es im Vorwort nannte.

Dennoch gewinnt man im Verlauf der Lektüre Einblicke in Bonhoeffers tiefen christlichen Glauben und seine darauf ruhende Gelassenheit trotz widrigster Umstände. Auch, wenn ich die theologischen Fachausführungen nur staunend überfliegen konnte, ein eindrucksvolles Buch.

Iain M. Banks – Matter

Eigentlich sei „ja jeder Culture-Band, den man gerade liest oder gelesen hat, der beste“ schrieb ich, nachdem ich Look to Windward gelesen hatte. Ein Eindruck, den ich nach Matter revidieren muss. Das Buch ist lang, mitunter langweilig, das Ensemble an Figuren und Völkern vielfach redundant und kaum zu unterscheiden. Dass ich es dennoch abgeschlossen habe, spricht einmal mehr für Banks‘ herausragend guten Schreibstil.