Wolf

Politikwissenschaftler, Ostwestfale in Bochum. Interesse an Politik, Gesellschaft, Technologie, Philosophie, Arminia Bielefeld, Musik, Science Fiction und manchem mehr.

Vollinklusion durch Social Media

Seit dem Don Quijote übernimmt es der Roman, die daraus entstehende Lage zu reflektieren. Das Individuum führt sein Leben nach Maßgabe seiner Lektüre. Es erreicht Inklusion, indem es Gelesenes copiert.

Niklas Luhmann – Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 627

Mit der entstehenden Lage ist der Umstand gemeint, dass Personen in der Gesellschaft nicht mehr durch Herkunft, Schicht, Geschlecht etc. positioniert werden, sondern die Freiheit erlangen – und mit ihr die Last -, sich selbst zu positionieren. Sie werden Individuen. Das verschärft die Möglichkeit der Täuschung, des Scheins. (Auf diese eigentümliche Bedeutung des Romans für die Moderne stoße ich immer wieder – erst gestern hier: How the Novel Made the Modern World).

Social Media ist nun eine regelrechte „Copiermaschine“. Ohnehin technisch per Retweet, aber auch in dem Sinne, dass das Individuum sich mit den Worten von Johannes Kuhnständig rückversicher[t], auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen“.

Die Inklusion – als Chance der sozialen Berücksichtigung von Personen – ist dann vielleicht die eigentliche Leistung der Technologie Social Media, sei es als Vollinklusion in das System der Massenmedien, oder das der Politik und ihrer öffentlichen Meinung oder vielleicht sogar in die Gesellschaft als solche.


(Jedenfalls sollte ich bei der Lektüre von Luhmann Ideen häufiger auch wirklich aufschreiben und mir das nicht lediglich vornehmen.)

Endlich Podcast

Und vor allem: Endlich Regen. Und dann war da noch der Why is this interesting?-Newsletter, der mich auf John McPhee stieß – passend zu meiner aktuellen Neigung zu Lektüren über die Schreibprozesse anderer:

In 2017 he came out with a book called Draft No. 4 which outlined his writing process, including his unique approach to outlining his stories

Toll ist auch dieses Bild von Malika Favre:

Und in Sachen Podcast verweise ich auf das Blog meines Arbeitgebers:

Blake Crouch – Upgrade

Blake Crouch schrieb mit Dark Matter und Recursion zwei sensationelle Science Fiction-Thriller, in deren drittem Akt alles derart durch die Decke geht, dass mir als Leser regelrecht die Luft wegblieb. Das Genre auf 11 gedreht, gewissermaßen.

Upgrade fand ich im Vergleich ein wenig zahm. Es ist eine Übermenschen-Geschichte, in der jemand durch Gentechnik-Mumbo Jumbo unfreiwillig zu einem solchen wird und dann gegen finstere Mächte kämpft, die wollen, dass viele andere auch so werden.

Crouch lässt keine Gelegenheit aus, zu zeigen, was sein Protagonist nach dem titelgebenden Upgrade alles kann: schnell denken, schnell lesen, gleichzeitig lesen und ein Hörbuch hören (man staune!), schnell laufen, außerdem auch mit seinesgleichen sehr schnell reden, damit ja keine Zeit verplempert wird.

Das wird umso alberner, wenn sich zwei derart geupgradete Genies trotzdem auf dem einfachstmöglichen Niveau miteinander unterhalten müssen, damit der Infodump auch ja den Leser erreicht. Hinzu kommt, dass die Agenda der Villains dieser Geschichte deren angeblich überragender Intelligenz (dank Upgrade, versteht sich) nun wirklich nicht gerecht wird. Tatsächlich wird sie in den milde interessanten Moraldebatten zwischen Gut und Böse recht einfach und nachhaltig zerlegt.

Ungeachtet dessen kann Blake Crouch solche Near Future-Settings mit Thriller- und Action-Einschlag einfach richtig gut schreiben. Nicht ohne Grund habe ich das Buch binnen weniger Tage gelesen und mich sogar beim Lesen etwas gebremst – damit es nicht zu schnell vorbei ist.

Montag, 18. Juli 2022: Zen-Geist im Home Office

Gestern vollendete ich das Buch Zen-Geist Anfänger-Geist von Shunryu Suzuki. Wie ich andernorts schon schrieb, üben derartige Bücher eine entspannende Wirkung auf mich aus und mehr muss dazu eigentlich nicht gesagt werden. Ich könnte nicht erklären, ob und warum gerade dieses Buch nun gut oder schlecht wäre.

Davon abgesehen war ich heute genau einmal draußen, dachte mir, dabei müsse es sich wohl um einen Witz handeln und bin wieder rein. Es ist sehr heiß und das ist natürlich überhaupt nicht witzig. Umso bewusster bin ich mir des Privilegs, daheim arbeiten zu können (bzw. zwei Tage die Woche am Arbeitsplatz arbeiten zu sollen; das werden in dieser Woche Donnerstag und Freitag sein) und umso mehr weiß ich unsere nachhaltig kühle Wohnung zu schätzen.

Sonntag, 17. Juli 2022: Die 40-Jährigen

(Wenn man nichts zur Hand hat, einfach uralte Bilder über den Beitrag heften)

Dass Nora Bossong über meine Generation der 40-Jährigen Dinge schreibt, hatte ich bereits mit mildem Interesse wahrgenommen. Gelesen habe ich bisher nichts davon. In diesem taz-Interview stehen aber ein paar interessante Sachen drin, zum Beispiel

Als Annalena Baerbock im Wahlkampf sinngemäß sagte, wenn sie Kanzlerin sei, werde es Momente geben, in denen sie bei ihren Kindern sein werde und nicht im Kanzleramt; das hat nicht dazu geführt, dass ich unbedingt gewillt war, sie zu wählen.

Allerdings sind weder Annalena Baerbock noch Christian Lindner besonders repräsentativ für „die Generation der 40-Jährigen – und ihren gehetzten Versuch, alles nebeneinander hinzukriegen“, wie der Teaser des Interviews ankündigt.

Darum stehen neben den interessanten auch lauter Sätze in dem Interview, die nicht nur nichts mit mir zu tun haben, sondern die ich auch überhaupt nicht verstehe. Zum Beispiel: „Die 40-Jährigen sind eine Generation, die politisch sehr kompromissfähig ist, aber überhaupt nicht, was die eigene Selbstverwirklichung angeht.

Vielleicht steht die Generation als zweite, mitunter dritte Nachkriegsgeneration auch einfach unter dem Druck, ihren Aufstieg und das Wachstum entsprechend der gesellschaftlichen Norm zu organisieren, während die Rahmenbedingungen das immer schwerer machen. Aber wahrscheinlich steht das in Bossongs Buch auch alles drin.

Ansonsten war das hier – passend zum obigen Bild:

Samstag, 16. Juli 2022: Jenen Hügel hochlaufen

Die ansonsten spärlichen Aktivitäten des heutigen Tages eröffnete ich mit einer 10km-Runde, die ich teils laufend, teils gehend zurücklegte.

Während ich bergauf inzwischen gar nicht erst versuche zu laufen, handhaben andere das … anders: Playing “running up that hill” while running up a hill:

Freitag, 15. Juli 2022: Kreative Stagnation?

Wir haben einfach schon wieder gegrillt – heute Burger. Das hat sehr gut funktioniert und geschmeckt. Es folgen ein paar Links.

Nicht nur wegen Kate Bush wächst offenbar die Nachfrage nach älterer Musik:

The consumption of old music grew another 14% during the first half of 2022, while demand for new music declined an additional 1.4%

Ted Gioia sieht darin nur Nachteile. In seinem Beitrag macht er allerdings auch schnell die Kehre zu Filmen und Serien („Nobody wants to take a chance on something new and different. It’s just too risky. You could even get fired for that.“). Und da stimme ich ihm zu: Das unaufhörliche Totreiten von Franchises wie Star Wars, Marvel, Star Trek etc. nervt zunehmend, langweilt maßlos und nimmt unfassbar viel Geld, virtuellen oder buchstäblichen Raum und Aufmerksamkeit in Anspruch.

There have been other periods of artistic stagnation in the past, and they usually signaled a collapse in other spheres of society too.“ – Das wiederum ist mir zu schwarzmalerisch. Der Umkehrschluss, Kultur wie ein Wegwerfprodukt zu behandeln, kann es schließlich auch nicht sein. Popmusik ist beispielsweise mit viel gutem Willen ein Jahrhundert alt. Müssen wir schon von Stagnation sprechen, nur weil wir uns die älteren Titel aus diesen 100 Jahren gegenwärtig halten?


What often gets overlooked in discussions about the state of the public sphere is just how brief and tenuous the age of consensus really was.

L. M. Sacasas hat in begrüßenswerter Knappheit eine medientheoretische Gesellschaftshistorie aufgespannt (mündlich Kommunikation, Massenmedien, digitale Medien) und mit interessanten Leseempfehlungen abgeschlossen (Reality Is Just a Game Now. And we’re all losing). Das berührt dann wohl die obigen other spheres of society.


Field Recordings are Music, Material, and Method – eine ganz hervorrangende Liste von George Grella. Nahezu jeder der vorgestellten Titel ist gut – einen habe ich ja bereits gekauft.


Bei Why is this interesting? geht es um Komplexität mit ein paar guten Definitionen (a measure of how hard it is to reverse something). Ich finde gut, was Stefan Schulz mal in einem seiner Podcasts gesagt hat: Das Gegenteil von komplex ist komplett: Kann ich etwas vollständig beschreiben, ist es nicht komplex, kann ich das nicht mehr, könnte es komplex sein. Daher ist A car in traffic in der Tat komplex.

Donnerstag, 14. Juli 2022: Mühsamer Versuch einer Rückkehr zum Alltagsbloggen

So sieht das aus, wenn ich morgens im Home Office bei prallem Sonnenschein die Rollos hoch- respektive runterziehe und dann Stunden später bemerke, wie dunkel es inzwischen geworden ist.

Vor Wochen habe ich bei Startnext ein Projekt zur Gründung eines Kollektivbetriebs für Haushaltshilfe unterstützt. Die haben nun tatsächlich ihre 12.500 € eingeworben, mein (geringer) Anteil eingeschlossen. Das freut mich tatsächlich sehr und ich bin gespannt wie es weitergeht.

Angegrillt nennt man das wohl. Vier Würstchen und eine halbe Zucchini auf unserem Lotus-Grill auf dem Balkontisch. Schmeckte tatsächlich überraschend gut nach Grill und wenn wir das Ding häufiger in Betrieb nehmen würden, kämen wir vermutlich auch besser damit zurecht. Das ist dann auch der Plan für den weiteren Sommer (wie im letzten Jahr und dem Jahr davor auch schon).

Ray Bradbury – Zen in der Kunst des Schreibens

Ray Bradbury hat schon als Kind tausend Worte pro Tag geschrieben, mit 18 seine ersten Kurzgeschichten verkauft und seitdem jeden Morgen eine Geschichte begonnen zu schreiben – und oft vollendet.

Und trotzdem ist dieses Buch nicht einschüchternd und erdrückend, sondern auf erstaunliche Weise fröhlich, augenzwinkernd und geprägt von Leichtigkeit.

Zur Sache geht es dann in dem letzten Kapitel – nach dem diese deutsche Übersetzung benannt ist -, welches Zen tatsächlich mehr spielerisch als ernsthaft aufgreift. „Kreativtechniken“, wie es der Titel erwarten lässt, gibt es in diesem Buch auch, aber nur wenige.