200811

Ich lese bei Jawl und Kiki Thaerigen regelmäßig und staunend, was für irre Dinge ihnen in mitunter seltsamer Parallelität bei Twitter widerfahren. Heute wurde es besonders absurd und unangenehm:

Halten wir fest: Irgendwer (ich) benutzt, während er erwähnt, dass es ihm gerade nicht so dolle geht, das Wort „Zug“.

11.8.2020 – thoughtrain or no throughtrain. That should be no question

und:

Offenbar hat es ihn jedoch zu Tode gekränkt, denn er prangerte mich vor seinen weit über zehntausend Followern an, rief zum Boykott meiner Arbeit auf und blockte mich umgehend, damit ich nicht weiter reagieren konnte.

Befindlichkeitsgedöns (eine Art Fortsetzung von gestern)

Mir sind solche Dinge im Prinzip nie passiert; nur einmal drohte ein Bundestagsabgeordneter der CDU, mich bei meinem Arbeitgeber anzuschwärzen. Ich hatte damals gerne robuster diskutiert, sicher ein wenig übertrieben und mich angesichts der Drohung entschuldigt.

Heute bekam ich zufällig mit, dass das Profil einer im Social Web etwas bekannteren Sozialdemokratin nicht mehr erreichbar war, mutmaßlich wegen früherer Aussagen zur Eignung des Olaf Scholz für die Kanzlerkandidatur. Ich habe rund 100 Sekunden versucht, mich in die Hintergründe einzulesen, aber Twitter ist dankenswerterweise ja so unübersichtlich, dass das praktisch nie gelingt.

Sagen wir so: Die paar Wochen, in denen ich Twitter nicht auf dem Handy hatte, waren entspannter. Umso seltsamer, dass es da inzwischen doch wieder ist.

Und sonst so?

Wasser auf meine Mühlen:

Online-PDF-Dokumente sind auch nach 20 Jahren problematisch zu lesen und für den Konsum durch Menschen schlicht ungeeignet.

Golem.de

200809 – city=plan=city

Heute habe ich wieder audiovisuell experimentiert. Zunächst wurde mit dem schönen Tool Pixelsynth erneut ein Bild vertont. Warum? Weil es geht. Das sieht so aus:

Der einzig interessante interessanteste Part daraus war der über den breiten schwarzen Balken – auch wegen der Stille. Also habe ich mit dem herumgespielt. Das Ergebnis klingt so:

Und weil ich das um den Kreis zu schließen wieder visualisieren wollte, habe ich eine Visualisierung des VLC-Players gescreencasted. Einfacher wird’s nicht, billiger auch nicht:

Immerhin hat das alles so wenig Zeit in Anspruch genommen, dass wir heute morgen bei angenehm bedecktem Himmel vier Stunden gewandert sind, nämlich meine neue Lieblingsroute über die Springorumtrasse nach Dahlhausen, von dort einem Wanderweg folgend zum Ruhrufer in Hattingen und dann durch das Weitmarer Holz nach Hause. Von den vielen Tieren, die wir gesehen haben, wurden abgebildet ein gerade fliehendes Reh und eine Schar Kanadagänse:

200808

Heute war meine Bochumer Infostandpremiere – und der erste Standdienst seit der Bundestagswahl 2017. Wenige Leute zwar, die aber durchweg freundlich. Hat Spaß gemacht und war zum Glück im Schatten.

Aus der heutigen Süddeutschen:

SZ: Wie macht man das überhaupt: mit dem Zug nach Japan reisen?

Tino Sehgal: Das ist nicht so schwer: wenn man den Zug nimmt, von Berlin aus, steigt man einmal in Moskau um. Und dann sieht man fünf Tage lang Birken vor den Fenstern. Von China aus nimmt man eine Fähre nach Korea, kurz noch mal Zug und dann von der Südspitze Koreas noch mal eine Fähre nach Japan.

Diese Idee, dass man als Westeuropäer unfassbar weit nach Osten reisen könnte, fasziniert mich schon lange.


Eugene Wei analysiert in einem lesenswerten Beitrag Tik Tok. Ich bin noch nicht ganz durch, aber die Unterscheidung von Social Graph und Interest Graph und daran anschließend die Beschreibung der Grobheit des Social Graph ist sehr instruktiv:

The problem with approximating an interest graph with a social graph is that social graphs have negative network effects that kick in at scale. Take a social network like Twitter: the one-way follow graph structure is well-suited to interest graph construction, but the problem is that you’re rarely interested in everything from any single person you follow. You may enjoy Gruber’s thoughts on Apple but not his Yankees tweets.

Und sollte man doch an allem interessiert sein, was eine einzelne Person zum Besten gibt, dann ist man mit gewisser Wahrscheinlichkeit ein Stalker.

200806 – Hier kommt die Kälte

Denn sie wird kommen. Um sie zu begrüßen und zur persönlichen Erbauung habe ich den schönen Opener des schönsten Die Heiterkeit-Albums ein wenig durch Noise-Filter gedreht. Ist bestimmt verboten.

Zur Erholung und weiteren Verfrierung das Original:


Vor einem Jahr war ich in Herne, wie das Archiv verrät:

Ja, meine Art der Fotografie ist merkwürdig.

Als ich die Kürbisse goss.

Wie es gerade aussieht. Nicht im Bild: Fledermäuse.

200803 – was ist das Gegenteil vom Aufspannen eines Schirms?

Aufgrund von Verstrickungen, die dereinst als der Elektrikerstreit von 2020 in die Geschichte eingehen werden, habe ich heute unseren Sicherungskasten fotografiert. Bestimmt kann ich mir ab jetzt merken, welcher von den dreien unserer ist. Ganz bestimmt.

Serien gucken lohnt sich einfach nicht mehr. Das X-te Superheldenvehikel Umbrella Academy nervt mit zahllosen möglichst unpassend eingesetzten Popsongs und dem immer wiederkehrenden Plot-Device, dass die Leute sich ständig streiten und nie am selben Ort sind, wenn sie es sollten. Anfangs interessant, schnell unterträglich.

200801

Vor dem Eintreffen der Gewitter noch gepflegt den Balkon bevölkern.

Gestern: Alien Covenant geschaut und auch sonst der Hitze getrotzt.


Gerade wurde ich beim Hören des exzellenten Albums Jisei von Vittorio Guindani gewahr, warum ich diese Spielart des Ambient so schätze. Weil ich mit den Tönen und Geräuschen keinerlei Bild assoziieren kann und folglich auch nicht muss. Kein Instrument, keine Menschen, kein Orchester, keine Posen wie bei der Rockmusik, kein Publikum und keinen Tanz wie bei elektronischer Musik, aber auch keine natürlichen Geräuschquellen wie bei Found Sounds oder Naturaufnahmen. Der Klang steht vollkommen meditativ und assoziationsfrei für sich.

Deshalb kann ich mit den instrumentalen Spielarten der Ambientmusik, wo sachte auf Klavieren geklimpert oder mit akustischen Gitarren geklampft wird, auch so absolut nichts anfangen. Gleiches gilt für „die sogenannte Neoklassik“ im Stil von Max Richter, der Ljubiša Tošić im Standard Tiefe und Komplexität abspricht. Das wiederum ist nicht meine Haltung. Ambient mag sich einfach produzieren lassen. Punk auch.

200729: #Yolaf statt #Nolaf

Ein schönes, obskures Beispiel für die kulturellen Vorzüge von Quelloffenheit und Austausch:

According to Malone, most of her peers don’t own microphones, monitors, or the instruments they record with; it’s all loaned out by EMS via a trust-based system. Additionally, much of the code that artists create with SuperCollider, a programming language and environment used by many drone musicians in Stockholm, is open source and available for all to use.

Aus einem Feature bei Bandcamp über die Drone-Musikszene in Stockholm

Das Innenleben der Sozialdemokratie könnte mir ja eigentlich egal sein, als ehemaliges, langjähriges Mitglied wird es das aber wohl nie. Daher fand ich das Twitter-Kampägnchen gegen Olaf Scholz als möglichen Kanzlerkandidaten heute milde interessant.

Olaf Scholz hätte seinen drei Vorgängerkandidaten Steinmeier, Steinbrück und Schulz einen wesentlichen Punkt voraus: Er hat bereits Wahlen gewonnen, und zwar nicht zu knapp.

Überdies wird der nächste SPD-Kandidat erstmals seit fünfzehn Jahren nicht gegen Angela Merkel antreten, die in der Mitte bis ins linke Lager hinein über die Jahre immer mehr an Popularität gewonnen hat. Scholz wäre ein ideales Angebot für alle Wähler*Innen, die sich 2021 Verlässlichkeit und Seriösität wünschen, denn die CDU wird so ein Angebot nach derzeitigem Stand nicht unterbreiten können – am wenigsten mit meinem (inzwischen unwahrscheinlichen) Wunschkandidaten Merz.

Sicher ist Scholz kein linker Kandidat. Aber die SPD hat noch nie Wahlen mit links gewinnen können. Das kann man bedauern, ist aber so. Mit Scholz würde sie zumindest zeigen, dass sie noch den Willen hat zu gewinnen, so unwahrscheinlich das gerade erscheinen mag.

200728: Wie ich einmal Derrick guckte

Ich habe eben die obige Folge Derrick geguckt und zwar weil beim Perlentaucher (und wegen genau solcher Kuriositäten lese ich den Perlentaucher und zahle auch dafür) diese Rezension empfohlen wurde. Bei Sätzen wie dem folgenden verstehe ich im Grunde kein Wort, aber das macht sie nur toller:

Die geheime, die verborgen gebliebene Schwarzmarkt- und später Wirtschaftswunder-Erotik à la Nitribitt hinter den Kulissen hat sich bei Brynych in den jungen deutschen Frauen der 70er noch erhalten wie ein genetisches Wissen.

Kurioserweise geht es im heutigen „Altpapier“ auch um Derrick – aber in einem anderen Zusammenhang. Einzige Schnittmenge: Derrick-Folgen werden durchaus „legal“ also von den Rechteinhabern auf Youtube gestellt. Dies wohl, um an den dortigen Werbeschaltungen teilzuhaben.


Den Wandel der Literaturkritik (nicht zum besseren) schildert Jan Kutter bei 54books. Ein Satz, der mich an meine hier geführte „kommentierte Leseliste“ erinnert:

Wer sich heute über ungelenke Amazon-Kritiken von Amateur*innen beömmelt, verkennt jedenfalls, dass hier nicht selten einfach nur die fade, flaue Häppchenkritik imitiert wird, die man heute von den mannigfach kaputtgesparten Regionalzeitungen und Magazinen vorgesetzt bekommt.

Wie anspruchsvoll eine gelungene Kritik ist, merke ich jedenfalls immer dann, wenn ich versuche, zu einem Buch etwas zu schreiben, das ich einfach nur zum Zeitvertreib gelesen habe, das nicht herausragend gut, aber auch nicht besonders schlecht ist.


Der Ambientblog hat einmal mehr einen vortrefflichen Mix produziert. Dieses Mal nicht alleine, sondern mit mir unbekannten Protagonisten von Low Light Mixes.

I’m even móre honoured that this mix is presented on three blogs at the same time: Low Light Mixes, Headphone Commute and Ambientblog. Both Headphone Commute and Low Light Mixes are ‘giants’ compared to my humble Ambientblog, so I’m really happy this mix may reach a new audience… and hope they enjoy the way it turned out.

They do, Peter, they do.

200727

Ich glaube, ich habe die Benamung dieser Blogposts durcheinander gebracht: JJMMTT muss es lauten.

Endlich mal wieder mit einem ausgeprägten Muskelkater aufgewacht – mein liebstes Körpergefühl. Kniebeugen helfen dabei enorm, besonders, wenn man sie zu selten macht.


Heute habe ich die (vorerst?) letzte Folge der Podcastreihe History Of Ideas gehört, die anders als die vorherigen Folgen aus einem Interview (Q&A) mit dem Host David Runciman, in dem dieser Hörerfragen beantwortet. Die Serie stellte beginnend mit Hobbes und endend mit Fukuyama einige der (und nicht immer die naheliegendsten) politischen Ideengeber vor und setzte sie zueinander in Beziehung. Hörempfehlung!


Pixelsynth ist ein interessantes Tool, welches Bilder in Töne umwandelt. Interessant jedenfalls, wenn man wie ich atonalem Georgel grundsätzlich etwas abgewinnen kann:

200726

Der gestrige Film war einer der besten der vergangenen Monate, wenn ich nach seiner Nachwirkung gehe. Bei Reddit schreiben sie ja immer Cinematography, wenn sie erklären wollen, wie gut ein Film aussieht. Paris, Texas sieht sehr gut aus; fast als hätte sich Wenders auf alles gestürzt, was in Amerika damals unwirklich aussah: Wüste, Städte, verschnörkelte Autobahnbrücken.

Die Schlussszene(n) müsste ich sicher nochmal gucken. Wann sieht man wen durch eine Scheibe, in einem Spiegel, oder verspiegelt im Antlitz des oder der anderen?

Interessant, aus dem Wikipediaeintrag:

Die Band Texas benannte sich nach dem Independentfilm, die Band Travis nach der Hauptfigur des Films.


Ines Schwerdtner schreibt im deutschsprachigen Jacobin über das Buch Ein Mann seiner Klasse von Christian Baron, das ich sehr eindrucksvoll fand.

Viel zu wenig wird der materielle Aufstieg von Kindern aus den unteren Klassen auch als ein Kampf um Selbstachtung gewertet. Einmal mit den oberen Klassen, den Ämtern, der eigenen Vergangenheit, den ungelernten Umgangsformen und Sprachen konfrontiert, zweifeln nicht wenige Aufgestiegene an ihrem Selbstwert.