Octavia E. Butler – Parable Of The Sower

Nachdem das Buch und seine Fortsetzung in einem der, wenn nicht sogar dem letzten Text auf spex.de als „Lektüre der Stunde“ bezeichnet wurden, versuchte ich es nochmal mit Parable Of The Sower von Octavia E. Butler. Der Eindruck ist so, wie ich ihn nach dem ersten Lesen erinnere. Ganz gut, aber nicht so gut, dass sich die Fortsetzung aufdrängt.

Ungeachtet dessen war Butler eine bemerkenswerte Autorin schwarzer und weiblicher Science Fiction. Darum werde ich es einfach mit einem anderen ihrer Werke versuchen. Spex dazu:

In knapp 13 Jahren veröffentlicht Butler – neben weiteren Kurzgeschichten – neun Romane: die fünfteilige Patternist-Serie (1976-84), die Xenogenesis-Trilogie (1987-89), sowie die Zeitreisegeschichte Kindred (1979), ihr heutzutage wohl bekanntestes Werk.

John Lanchester – The Wall

Schon wieder eine Empfehlung der Rundschau, dieses Mal keine genuine Science Fiction, sondern eher eine Dystopie.

Besonders im ersten Drittel schafft The Wall diese trostlose Atmosphäre, die mich gelegentlich an Orwell denken ließ: Großbritannien hat sich in der Zukunft komplett eingemauert und setzt hundertausende seiner BürgerInnen im Zwangswachdienst zur Abwehr von Bootsflüchtlingen ein.

Später wandelt sich die Geschichte dann zu einer etwas schlichten Survival-Abenteuergeschichte – ein wenig The Walking Dead (Der Mensch ist des Menschen Wolf) auf hoher See. Besonders der Schluss wirkt, als wusste Lanchester nicht wirklich, wohin mit seiner eigentlich spannenden Ausgangslage. Macht aber nichts: Toll geschrieben ist The Wall allemal.

Zack Jordan: „The Last Human“

Seitdem Der Standard seinen Online-Auftritt einem Relaunch unterzogen hat, gibt es dort keinen RSS-Feed mehr (ein ebenso lästiges wie verbreitetes Problem).

Seitdem muss ich immer selber nachgucken, ob die Person, die sich dort Josefson nennt, neue Science Fiction-Rezensionen in der entsprechenden Rubrik eingetragen hat. Mit der Folge, dass ich schon sehr lange nicht mehr nachgeguckt habe.

Jüngst erinnerte ich mich aber dieser seit Jahren bewährten Quelle guter Science Fiction-Literatur und stieß nach kurzer Zeit auf eine Rezension, die mich direkt zum Kauf veranlasste, nämlich die zu „The Last Human“ von Zack Jordan.

Selten hat eine Geschichte einen derartigen Bogen vom kleinen zum allergrößten geschlagen. Soll heißen: Was mit der Hauptfigur Sarya auf einer Hinterwäldler-Raumstation beginnt, führt schnell zu Entwicklungen von galaxiserschütterndem Ausmaß.

Toll außerdem: Eben jene Galaxis, wie sie Zack Jordan hier zeichnet, ist riesengroß und rappelvoll und schon seit Jahrmilliarden bevölkert. Da schlägt der Sense of Wonder-Pegel oft stark aus.

Also ein gelungenes Erstlingswerk, das keine Fortsetzung erforderlich macht. Das ist mir inzwischen wichtig. Ich möchte gelegentlich einen guten, geschlossenen SciFi-Roman lesen und mich nicht auf elend lange Serien einlassen müssen.

Max Goldt – Ä

Vor rund einem Monat schrieb Paul Jandl in der NZZ, man müsste wieder mehr Max Goldt lesen. Ein ausgezeichneter Vorsatz, Quarantäne hin oder her.

Ich glaube, ich habe gut und gern zehn Jahre nicht mehr Max Goldt gelesen. Zumindest während meiner Moabiter Zeit nicht, denn dann hätte ich die Sache mit der Spirale in der Giraffe besser verstanden. Die Giraffe, ein Familienrestaurant in Tiergarten, gibt es nämlich noch. Wir waren aus nichtigen Gründen aber nie drin.

Max Goldt zu lesen erinnert mich an die Zeit, als man fast täglich mitten in der Nacht die Harald Schmidt-Show geguckt hat, weil sie zu der Zeit – so um 2000 rum – einfach so gut war. Die Kolumnen in Ä sind auch schon fast ein Vierteljahrhundert alt, was mich ein wenig fertig macht.

Heute Max Goldt zu lesen ist also ein wenig so, als hätte man 1996 Sachen von 1970 gelesen oder geschaut. Wer wäre das? Otto Waalkes? Oder Loriot? Loriot wäre gut, dessen Humor ist ja auch irgendwie zeitlos. Ist der Humor von Max Goldt überhaupt zeitlos? Manches wäre heute mehr als vor 25 Jahren eine ziemlich Grenzüberschreitung, fürchte ich.

Max Frisch – Mein Name sei Gantenbein | Mad Men

Ein Mann, der „Geschichten anprobiert wie Kleider“. Mal ist er Gantenbein, mal Enderlin, mal Svoboda, einen Ich-Erzähler gibt es auch noch. Es ist alles sehr verworren und schlimm, vor allem schrecklich langweilig.

Gantenbein erinnert in gewisser Weise an die Serie Mad Men, die ich gerade ein weiteres Mal zuende zu schauen versuche, und ihren Protagonisten Don Draper, begnadeter Storyteller mit falscher Identität und trauriger Schmerzensmann, dem die Frauen stets um den Hals fallen.

Bislang scheiterte ich immer daran, dass die Serie kaum mehr als eine sündhaft teuer ausgestattete Edel-Soap zu sein scheint. Aber da sie Mitte Mai aus dem Netflix-Katalog getilgt wird, habe ich einen Anreiz für einen neuen Anlauf.

Philip Manow – (Ent-)Demokratisierung der Demokratie

Wenn ich in einem Buch wahnsinnig viel anstreiche, dann heißt das zum einen, dass es ein sehr gutes Buch ist und zum anderen, dass ich sehr schlecht im Anstreichen bin (ich gebe bequemerweise dem Kindle die Schuld).

Dieser Essay des Politikwissenschaftlers Philip Manow ist ein solches sehr gutes Buch, vielleicht handelt es sich sogar um die beste politische Zeitdiagnose die ich kenne – nicht zuletzt, weil ich einige der Annahmen und Schlüsse vergleichsweise unbequem finde.

Krise der Repräsentation

Manow schließt sich all jenen nicht an, die eine Krise der Demokratie zu erkennen glauben; er attestiert vielmehr der Demokratie eine Krise der Repräsentation. Repräsentation war das Prinzip, wie er in einem historischen Abriss der französischen wie amerikanischen Revolution aufzeigt, welches Demokratie – die damals verhasst war – überhaupt möglich machte: „Demokratie, so die seinerzeit dominante Auffassung, sei eine Gefahr für das Gemeinwesen, eine Form der Klassenherrschaft, die sich mit einer bürgerlichen Eigentumsordnung nicht vertrage.“ So war und ist die Primärfunktion der Repräsentation zunächst Exklusion – Volksherrschaft ohne Volk, sondern durch seine Eliten. Der „republikanische Kompromiss“.

Die Krise der Repräsentation macht Manow nun als „Funktions- und Legitimationsverlust bewährter Artikulations- und Repräsentationsinstanzen“ fest, genauer der politischen Parteien, der Parlamente und der Medien.

Demokratisierung von Parteien und Medien

Parteien, so Manow, durchliefen tatsächlich eine Demokratisierung, wie er an dem erleichterten Zugang von politischen Freibeutern wie Trump oder Sanders zu den US-Vorwahlen und an den immer beliebter werdenden Urwahlverfahren europäischer Parteien belegt. Allerdings geben sie damit auch ihre Repräsentationsfähigkeit preis, denn solche Verfahren begünstigen in der Tendenz immer Kandidaten der Ränder, die zwar der Parteibasis und ihren Sympathisanten gefallen, im anschließenden Wahlkampf aber kaum mehrheitsfähig seien. Beispielhaft wird hier die Momentum-Bewegung von Jeremy Corbyn und die Spreizung der französischen Parteienlandschaft genannt. Letztere eröffnete Macrons La République en Marche erst den Raum zu seinem Wahlsieg.

Manows Mediendiagnose ist hingegen sattsam bekannt: Gesunkene Zugangshürden, der Verlust der Intermediäre, die direkte Ansprache der Bürger durch Parteien und Politiker unter Umgehung etablierter Massenmedien. Also auch hier Repräsentationsverlust durch fortschreitende Demokratisierung.

Und die Parlamente? Hier diagnostiziert Manow eine zunehmende Entmachtung bedingt durch Verrechtlichung, Globalisierung, Europäisierung. Vor allem der erste Punkt wird von Manow offenbar äußerst kritisch gesehen. Der politische Streit verlagere sich „zunehmend aus dem Parlament ins Rechtssystem“ und mehr noch: Das Kodierungsverhältnis zwischen Recht und Politik habe sich „tendenziell umkehrt: von der demokratisch legitimierten Positivierung des Rechts, das dann durch Rechtsprechung ausgelegt wird, hin zur weitgehenden Programmierung der Politik durch ein autonomes, dieser Positivierung gerade entzogenes Recht.

Paradoxie

Hiermit ist übrigens nur der erste, aber für mich auch gewinnbringendere Teil des Essays abgedeckt. Neben der Demokratisierung erkennt Manow eine parallel laufende – und durch sie verstärkte – Entdemokratisierung. Hier franst Manows Argumentation für mein Verständnis (nach der ersten Lektüre) etwas aus, streift den Nationalstaat, Universalismus, die Idee, dass man die Demokratie schon in die Krise versetzt, wenn man ihre Krise diagnostiziert. Der Kern des Arguments scheint aber unter Anwendung von Luhmanns Figur des Re-Entry (ich freue mich ja immer, wenn mal die einzige soziologische Theorie, die ich wirklich kenne, Anwendung findet) die Paradoxie zu sein, innerhalb der Demokratie über die Unterscheidung demokratisch/undemokratisch diskutieren zu müssen. Das mutet etwas esoterisch an, wird von Manow aber sehr eindrucksvoll in Worte gekleidet. Das folgende Zitat ist nur ein Beispiel dafür:

Es ist also geradezu unsere demokratische Pflicht, die Gesellschaft ganz entschieden und mit allen politischen Konsequenzen in zwei Gruppen zu teilen: in diejenigen, die die Gesellschaft in zwei Gruppen teilen, und in die, die das nicht tun.