Andrew Hunter Murray – The Last Day

Neulich schaute ich mal wieder in die SF-Rezensionen-Rubrik beim Standard – an deren neues Layout ich mich nie gewöhnen werde – und fand Gefallen an der Prämisse von The Last Day: Die Erde hat aufgehört sich zu drehen, eine Seite ist nun ewig der Sonne zugewandt, auf der anderen herrscht ewige Nacht.

Großbritannien liegt in der leidlich bewohnbaren Zone dazwischen und hat sich zu einer Diktatur gewandelt, die den Mangel verwaltet und mit höchster Brutalität Geflüchtete abwehrt (darin besteht verblüffende Ähnlichkeit zu The Wall).

Das sind die äußersten Rahmenbedingungen eines erstaunlich normalen Thrillers mit durch die Gegend fahren, Häschern entkommen und Leute suchen. Am Ende steht die Aufdeckung eines großen, die Handlung vorantreibenden Geheimnisses. Keinesfalls ein schlechtes Buch, aber nun auch keine vor überwältigenden Ideen strotzende Science Fiction.

Theresa Wobbe – Weltgesellschaft

Wollte man Empire vereinfachen, würde man es als Beschreibung des politischen Systems in der Weltgesellschaft beschreiben. Das hilft außer mir vermutlich niemanden, war aber immerhin Anlass, gleich noch ein Lehrbuch aus Studiumszeiten hervorzuholen.

Dieser Band, erschienen im Jahr 2000, ist mit unter 100 Seiten locker an einem Tag durchgelesen und gibt einen kursorischen Überblick zu drei theoretischen Aufschlägen von der Weltgesellschaft, nämlich von Peter Heinz, John W. Meyer und – ein Glück – Niklas Luhmann.

Das Buch lässt sich beim Transcript Verlag frei als PDF herunterladen.

Bei der Recherche, ob und wie das Thema heute noch relevant ist, wurde ich gewahr, dass es Google Scholar noch gibt! Das hat sich irgendwie die Anmutung von Google vor 15 Jahren bewahrt, einschließlich des längst vergangenen Don’t be evil-Charmes.

Ulrich Menzel – Zwischen Idealismus und Realismus

Anknüpfend an Empire reizte es mich, zu ein Buch aus meinem Studium zu greifen. Internationale Beziehungen haben mich zwar nicht besonders interessiert, jedenfalls weniger als vergleichende Politikwissenschaft, Parteien und vor allem soziologische Systemtheorie, aber vor allem mit Blick auf die vergangenen 15 bis 20 Jahre ist die Monographie dennoch spannend. Greifen die Theoriestränge überhaupt noch? Der vorletzte Absatz des Bandes passt, finde ich:

Hardt & Negri – Empire

„Die neue Weltordnung“ – bei den Worten rastet manch Aluhutträger ja schon aus.

Empire las ich aus Interesse am Begriff der Multitude oder Menge, den Hardt und Negri in diesem Buch einführen und später vertiefen. Das Buch war mir vage als eine Art Meilenstein der letzten Jahre bekannt, was eher linke politische Theorie betrifft. Dass es a) schon 2000 erschienen und b) in nur zwanzig Jahren komplett aus der Zeit gefallen ist, war mir nicht klar.

Was ist Empire? Um die Frage tänzeln Hardt und Negri über vierhundert Seiten herum. Vieles, sehr vieles ist Empire (der Begriff wird soweit ich erinnere stets ohne Artikel gebraucht) nicht: Kein Produkt der unsichtbaren Hand noch eines politischen Plans, natürlich auch keine schlichte Fortsetzung des europäischen Imperialismus. Wirkliche Klarheit wird für mein Verständnis nie hergestellt; etliche Aussagen lassen sich im Grunde nicht überprüfen, dafür sind sie viel zu wolkig und lyrisch verfasst, was sich überprüfen lässt, hält der Überprüfung kaum noch stand.

Denn Empire erinnert vor allem daran, wie viel sich in den internationalen Beziehungen und in der linken, progressiven Sicht auf diese seit dem Jahr 2000 verändert hat. Die damalige USA-Kritik ist ebenso wie der Antiamerikanismus, den Empire zweifellos speist, eine andere als die heutige, Globalisierungskritik gibt es heute nahezu gar nicht mehr (es gibt ja derzeit kaum noch Globalisierung) und während man einst nur NGO oder transnationale Konzerne sagen musste, um wissendes Nicken einzuheimsen, wirken diese Schlagworte heute antiquiert.

Der Linken seien die Ideen ausgegangen, schrieb Branko Milanović neulich und Empire lässt sich dafür als wunderbares Beispiel anführen. Viel Lärm um wenig, der die richtigen Knöpfe drückt und dabei nach wenigen Jahren die Relevanz einbüßt.

Frank Herbert – Dune

Die Denis Villeneuve-Verfilmung des Wüstenplaneten wurde gerade erst bis weit in das nächste Jahr verschoben, während ich mich einmal mehr durch die Buchvorlage schmökerte – dieses Mal mit Fokus auf die erste Hälfte des Bandes, die der Film abbilden soll.

Ich bin immer noch latent skeptisch, wie aus dem alten White Savior/Der mit dem Wolf tanzt-Stoff eine zeitgemäße Filmfassung entstanden sein kann, mein Vertrauen in Villeneuve (und den hervorragenden Cast) ist aber groß. Besonders schwer wird mir das Warten auf diesen Film dennoch nicht fallen.

Michael Kleeberg – Vaterjahre

Es kommt selten vor, dass mich eine Erzählstimme so anspricht wie die Kleebergs in Vaterjahre.

Inhaltlich irgendwo zwischen Gesellschaftsroman und Psychogramm schildert das Buch die Person Karlmann Charly Renn durch sämtliche Facetten; Familie, Beruf, Freunde, hobbies, Werdegang. Das hat alles nahezu nichts mit mir zu tun, spricht mich aber dennoch an.

Blake Crouch – Dark Matter

Nachdem mich Recursion sehr begeistert, war ich auf die andere, oft gelobte Geschichte von Blake Crouch gespannt. Dark Matter ist ebenfalls ein packender Science Fiction-Thriller, statt um Zeitreisen geht es um Paralleluniversen. Sehr spannend und kurzweilig. Recursion hat mir nur ein wenig besser gefallen.

Kapielski – Danach war schon

Im Anschluss an die Goldt-Lektüre wurde mir Thomas Kapielski empfohlen, von dem ich bis dato noch nie gehört habe. Mit Gottesbeweisen hat das zum Glück nur in humoristischer Weise zu tun.

Kapielski schreibt weniger abgeklärt als Goldt, sondern mehr aus eigenem Erleben. Weite Strecken des Buches handeln von seinen früheren Reisen in die DDR, nach Polen und Moskau – weit überwiegend vor der Wende. Stets geht es auch ums Biertrinken, wenn möglich in West-Berliner Kneipen. Eine gewisse Lustigkeit ist nicht von der Hand zu weisen.

Am lustigsten fand ich seine Schilderungen von der „taz“ in den achtziger Jahren und vor allem dem dortigen Kaffeegenuß. Allerdings:

Seine Tätigkeit als Kolumnist für die taz endete 1988 mit einem Eklat, nachdem Kapielski in einem Artikel die Edeldisco Dschungel als „gaskammervoll“ bezeichnet hatte.

Über genau diesen Eklat lässt er sich dann auch über mehrere Seiten im Stile eines missverstandenen Künstlers aus, das ist ein wenig peinlich. Gut, dass sich das Ganze vor Twitter und Facebook abgespielt hat und es so niemand liest.

Nava Ebrahimi – Das Paradies meines Nachbarn

Nur selten lese ich echte Literatur, zumal solche, die gerade in den Feuilletons besprochen wird. Dass ich durch diese Besprechung bei 54books auf Nava Ebrahimis zweiten Roman aufmerksam geworden bin, ist daher ein großes Glück.

Die Figuren, ihre Stimmen, die Erzählung, die Sprache alles hieran ist großartig. „Nava Ebrahimis Romane sind große Literatur“, schreibt Maryam Aras in der oben verlinkten Rezension. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Octavia E. Butler – Parable Of The Sower

Nachdem das Buch und seine Fortsetzung in einem der, wenn nicht sogar dem letzten Text auf spex.de als „Lektüre der Stunde“ bezeichnet wurden, versuchte ich es nochmal mit Parable Of The Sower von Octavia E. Butler. Der Eindruck ist so, wie ich ihn nach dem ersten Lesen erinnere. Ganz gut, aber nicht so gut, dass sich die Fortsetzung aufdrängt.

Ungeachtet dessen war Butler eine bemerkenswerte Autorin schwarzer und weiblicher Science Fiction. Darum werde ich es einfach mit einem anderen ihrer Werke versuchen. Spex dazu:

In knapp 13 Jahren veröffentlicht Butler – neben weiteren Kurzgeschichten – neun Romane: die fünfteilige Patternist-Serie (1976-84), die Xenogenesis-Trilogie (1987-89), sowie die Zeitreisegeschichte Kindred (1979), ihr heutzutage wohl bekanntestes Werk.