Blake Crouch – Upgrade

Blake Crouch schrieb mit Dark Matter und Recursion zwei sensationelle Science Fiction-Thriller, in deren drittem Akt alles derart durch die Decke geht, dass mir als Leser regelrecht die Luft wegblieb. Das Genre auf 11 gedreht, gewissermaßen.

Upgrade fand ich im Vergleich ein wenig zahm. Es ist eine Übermenschen-Geschichte, in der jemand durch Gentechnik-Mumbo Jumbo unfreiwillig zu einem solchen wird und dann gegen finstere Mächte kämpft, die wollen, dass viele andere auch so werden.

Crouch lässt keine Gelegenheit aus, zu zeigen, was sein Protagonist nach dem titelgebenden Upgrade alles kann: schnell denken, schnell lesen, gleichzeitig lesen und ein Hörbuch hören (man staune!), schnell laufen, außerdem auch mit seinesgleichen sehr schnell reden, damit ja keine Zeit verplempert wird.

Das wird umso alberner, wenn sich zwei derart geupgradete Genies trotzdem auf dem einfachstmöglichen Niveau miteinander unterhalten müssen, damit der Infodump auch ja den Leser erreicht. Hinzu kommt, dass die Agenda der Villains dieser Geschichte deren angeblich überragender Intelligenz (dank Upgrade, versteht sich) nun wirklich nicht gerecht wird. Tatsächlich wird sie in den milde interessanten Moraldebatten zwischen Gut und Böse recht einfach und nachhaltig zerlegt.

Ungeachtet dessen kann Blake Crouch solche Near Future-Settings mit Thriller- und Action-Einschlag einfach richtig gut schreiben. Nicht ohne Grund habe ich das Buch binnen weniger Tage gelesen und mich sogar beim Lesen etwas gebremst – damit es nicht zu schnell vorbei ist.

Montag, 18. Juli 2022: Zen-Geist im Home Office

Gestern vollendete ich das Buch Zen-Geist Anfänger-Geist von Shunryu Suzuki. Wie ich andernorts schon schrieb, üben derartige Bücher eine entspannende Wirkung auf mich aus und mehr muss dazu eigentlich nicht gesagt werden. Ich könnte nicht erklären, ob und warum gerade dieses Buch nun gut oder schlecht wäre.

Davon abgesehen war ich heute genau einmal draußen, dachte mir, dabei müsse es sich wohl um einen Witz handeln und bin wieder rein. Es ist sehr heiß und das ist natürlich überhaupt nicht witzig. Umso bewusster bin ich mir des Privilegs, daheim arbeiten zu können (bzw. zwei Tage die Woche am Arbeitsplatz arbeiten zu sollen; das werden in dieser Woche Donnerstag und Freitag sein) und umso mehr weiß ich unsere nachhaltig kühle Wohnung zu schätzen.

Ray Bradbury – Zen in der Kunst des Schreibens

Ray Bradbury hat schon als Kind tausend Worte pro Tag geschrieben, mit 18 seine ersten Kurzgeschichten verkauft und seitdem jeden Morgen eine Geschichte begonnen zu schreiben – und oft vollendet.

Und trotzdem ist dieses Buch nicht einschüchternd und erdrückend, sondern auf erstaunliche Weise fröhlich, augenzwinkernd und geprägt von Leichtigkeit.

Zur Sache geht es dann in dem letzten Kapitel – nach dem diese deutsche Übersetzung benannt ist -, welches Zen tatsächlich mehr spielerisch als ernsthaft aufgreift. „Kreativtechniken“, wie es der Titel erwarten lässt, gibt es in diesem Buch auch, aber nur wenige.

Jeff VanderMeer – Annihilation

Wie angekündigt habe ich Annihilation schon wieder gelesen (vermutlich zum vierten Mal, zuletzt erst im Dezember), Anlass ist die angekündigte Besprechung des Werks im empfehlenswerten Science Fiction-Podcast Sprawl Radio.

Was mir bei dieser Lektüre auffiel, war der Bezug zum exzessiven, sinnlosen Schreiben. Darauf kam ich, weil ich zur Zeit wieder in so ein Journaling/immer ein Notizbuch dabeihaben-Rabbithole gefallen bin. In Annihilation schreiben immer alle, der Crawler schreibt einen endlosen, alttestamentarischen Sermon auf die TunnelTurmwand, die Notizbücher der Expeditionen vergammeln in mannshohen Haufen, zugleich lesen wir den Report der Biologin. Das passt dann vielleicht auch irgendwie zu dem exzessiven Schreiben Richard Seymours in The Twittering Machine.

Joseph Conrad – Heart of Darkness

Sagenhaft, wie gut der Film im Verhältnis zum Buch ist und wie gut das Buch eigentlich auch ist, aber wenn Kurtz als Schädel mit einem schwarzen Loch anstelle eines Gesichts auf der Leinwand erscheint, dann ist jegliche weitere Filmgeschichte vollkommen irrelevant. Morgen gucke ich „Heart of Darkness“, eine Dokumentation zu „Apocalypse Now“.

Und weil ich den Eindruck habe, dass Jeff vanderMeer’s „Annihilation“ vielleicht auch ein ideller Nachfolger von „Apocalypse of Darkness“ sein könnte, werde ich das auch wieder lesen. Habe ich beim ersten Mal ja auch binnen eines Tages geschafft.

Kim Stanley Robinson – The Ministry for the Future

Kim Stanley Robinson beschreibt in The Ministry for the Future, wie die Menschheit mit dem Klimawandel umgeht. Das Buch ist eine Art fiktionale Dokumentation, die zwischen den sporadischen romanhaften Erzählungen der beiden Protagonisten aus Sitzungsprotokollen, Augenzeugenberichten namensloser Ich-Erzähler und Infodumps zu ökonomischen Konzepten und Glaziologie besteht.

Ehe es besser wird, wird es schlimmer. Und besser nur, wenn dafür harte politische Entscheidungen auf globaler Ebene getroffen werden. Schilderungen, wie die zustande kommen, nehmen großen Raum in dem Buch ein. Das trägt zu seinem immensen Realismus bei, was mir gefallen hat.

Dann allerdings gab es einen wirklich großartigen Schlusspunkt in der Erzählung, bei dem ich überzeugt war, dass nach dem Umblättern ein langer Anhang oder ähnliches beginnen würde. Allerdings geht die Geschichte danach noch sehr sehr lange weiter und wurde eher ermüdend und zäh.

Friedhelm Schäffer, Oliver Nickel – Die Lebensgeschichte des Ferdinand Matuszek

Diese Art von Büchern, die Lebensgeschichten von Zwangsarbeitern wie Ferdinand Matuszek und anderen Opfern des Dritten Reichs festhalten, ist unendlich wichtig.

Matuszek wurde nach Ostwestfalen (wo ich aufwuchs) verbracht, so dass ich einige der Orte kenne; das war zugegebenermaßen auch der Grund für die Lektüre.

Das Buch ist aber auch ganz ohne „Lokalkolorit“ eine wichtige und gute Aufarbeitung der Zwangsarbeit in Deutschland, von der es auch in meinem familiären Umfeld oft hieß, sie hätten es ja gut gehabt.

Judith Hermann – Sommerhaus, später

Der Name Judith Hermanns fiel in den letzten Wochen aufgrund von Poetikvorlesungen, die sie in Frankfurt absolviert hat. Das nahm ich zum Anlass, um nach ein Vierteljahrhundert den Kurzgeschichtenband Sommerhaus, später wieder aus dem Regal zu ziehen.

Seltsamerweise konnte ich mich an einen Teil der Geschichten sehr gut, an die übrigen hingegen überhaupt nicht erinnern. Ebenfalls nicht mehr präsent war mir deren wirklich erstaunliche literarische Qualität, die wirkt ohne anstrengend zu sein.

Und die verstrichene Zeit seit Verfassen und Erscheinen – immerhin fünfundzwanzig Jahre? Vielleicht wären so offenkundig weiße thirtysomething Mittelstandsmenschen, die mal gar keinen und mal entspannten künstlerischen Berufen anstrengungslos nachgehen, so nicht mehr ohne Weiteres möglich. Berlin wäre wohl wesentlich präsenter (und nerviger) mit mehr Namen von Bezirken, Straßen und Lokalen, das ist hier zum Glück noch nicht so.

Eigentlich weiß ich aber verblüffend wenig darüber, was und wie moderne deutsche Literatur eigentlich so schreibt. Ein Umstand, den es zu ändern gilt, aber vorher lese ich noch mehr von Judith Hermann.