Andy Weir – Project Hail Mary

Dieses Buch habe ich schon seit gut einer Woche durchgelesen und die Review immer wieder aufgeschoben, denn sie kann nicht weniger als eine Huldigung sein.

Andy Weir erlangte Bekanntheit durch The Martian, welches durchaus sehenswert und erfolgreich mit Matt Damon verfilmt wurde. Project Hail Mary knüpft an das Rezept des Wissenschaftler-Protagonisten an, der sich aus einer ausweglosen Situation in die nächste hangelt, schraubt den Scope des Marsianers aber um Umdrehungen weiter: Es gilt, nicht weniger als ein menschheitsbedrohendes Extinction Event zu verhindern, dabei in ein benachbartes Sonnensystem zu fliegen und eine Lösung für ein Problem zu finden, von dem man überhaupt nicht weiß, ob es eine gibt. Und da sind die diversen fantastischen Plot Twists natürlich unterschlagen.

Weir ist einer der wenigen Autoren, die optimistische, technik- und wissenschaftsverliebte, nicht-militante Science Fiction schreiben, ohne dass man als Leser auf Spannung verzichten müsste. Im Future Ltd. Podcast erzählten sie, bei der NASA liebte man Andy Weir und es ginge immer jemand ran, wenn er anruft und Fragen hat, Und das scheint mir eine perfekte Umschreibung dieses Autoren zu sein.

Nava Ebrahimi – Das Paradies meines Nachbarn

Nur selten lese ich echte Literatur, zumal solche, die gerade in den Feuilletons besprochen wird. Dass ich durch diese Besprechung bei 54books auf Nava Ebrahimis zweiten Roman aufmerksam geworden bin, ist daher ein großes Glück.

Die Figuren, ihre Stimmen, die Erzählung, die Sprache alles hieran ist großartig. „Nava Ebrahimis Romane sind große Literatur“, schreibt Maryam Aras in der oben verlinkten Rezension. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Max Goldt – Ä

Vor rund einem Monat schrieb Paul Jandl in der NZZ, man müsste wieder mehr Max Goldt lesen. Ein ausgezeichneter Vorsatz, Quarantäne hin oder her.

Ich glaube, ich habe gut und gern zehn Jahre nicht mehr Max Goldt gelesen. Zumindest während meiner Moabiter Zeit nicht, denn dann hätte ich die Sache mit der Spirale in der Giraffe besser verstanden. Die Giraffe, ein Familienrestaurant in Tiergarten, gibt es nämlich noch. Wir waren aus nichtigen Gründen aber nie drin.

Max Goldt zu lesen erinnert mich an die Zeit, als man fast täglich mitten in der Nacht die Harald Schmidt-Show geguckt hat, weil sie zu der Zeit – so um 2000 rum – einfach so gut war. Die Kolumnen in Ä sind auch schon fast ein Vierteljahrhundert alt, was mich ein wenig fertig macht.

Heute Max Goldt zu lesen ist also ein wenig so, als hätte man 1996 Sachen von 1970 gelesen oder geschaut. Wer wäre das? Otto Waalkes? Oder Loriot? Loriot wäre gut, dessen Humor ist ja auch irgendwie zeitlos. Ist der Humor von Max Goldt überhaupt zeitlos? Manches wäre heute mehr als vor 25 Jahren eine ziemlich Grenzüberschreitung, fürchte ich.

Iain M. Banks – Excession

Der vierte Band von Bank’s hervorragender Culture-Reihe, leider auch der bisher am wenigsten packende (die vorherigen sind Consider Phlebas, Player of Games und Use of Weapons).

Am interessantesten sind in der Culture ja die Raumschiffe, die natürlich nicht von Crews und Kapitänen gesteuert werden (wie albern!), sondern sich mit Minds – künstlichen Intelligenzen – selbst steuern und verwalten, dabei gerne mal 90km lang sind und 200 Millionen Passagiere beherbergen. Mit anderen Worten: Die Culture verhält sich zu herkömmlicher Science Fiction wie diese zur Normalität, und zwar in fast jeder Hinsicht.

Zwar spielen etliche dieser Schiffe im Vergleich zu den vorherigen Bänden erfreulich wichtige Rollen in Excession, quasi Hauptrollen, aber insgesamt ist der Plot bis nahe an die Unverständlichkeit überfrachtet mit Verschwörungen, einer Liebesgeschichte und der titelgebenden Excession – einem Alien Artifact, dem selbst die Culture-Schiffe nicht gewachsen scheinen.

Stefan Zweig – Joseph Fouché

Nach Magellan und Montaigne schon der dritte von Zweigs biographischen Romanen, dieser mit dem Untertitel Bildnis eines politischen Menschen und derjenige, der mir mit großem Abstand am besten gefallen hat.

Vielleicht, weil es Zweig so vortrefflich gelingt, Fouché als Antihelden, als „vollkommensten Macchiavellisten“ und beispiellosen politischen Wendehals zu skizzieren, der in den Wirren der Französischen Revolution und der folgenden napoleonischen Zeit für jede relevante Fraktion als Strippenzieher und Manipulator tätig war.

Das ist in einem Maße spannend, dass ich mir mitunter wünschte, Serienautoren oder die Star Wars/Marvel-Leute würden sich diesen Stoff mal zur Gemüte führen – sei es zur Adaption, oder einfach als Vorbild. Gut geschriebene Villains sind halt einfach am unterhaltsamsten.

Anlass für diese Lektüre war ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung, der Fouché als historisches Vorbild für den Brexit-Mastermind und Johnson-Berater Dominic Cummings anführte. Das kommt mir nur bedingt plausibel vor, macht aber nichts.

Ursula K. Le Guin – The Left Hand of Darkness

Zum Jahresauftakt einfach mal wieder Le Guin lesen: Unbezahlbar. Anlass war dieser Artikel über den Hainish-Cycle, zu dem Left Hand wie auch The Dispossessed und auch The Telling zählen:

Ursula K. Le Guin left us with a wealth of stories and universes, but my favorite might be her Hainish cycle. I recently read, or re-read, every single novel and short story in the Hainish universe from beginning to end, and the whole of this story-cycle turned out to be much more meaningful than its separate parts.

Blake Crouch – Recursion

Dass sie neulich diesen Pilzinfektionsklamauk so abgefeiert haben, nehme ich den Gebrüdern vom Future Ltd.-Podcast ja schon ein wenig übel. Aber in ihrer jüngsten Folge haben sie es dennoch erneut geschafft, mir ein Buch schmackhaft zu machen. Und wie recht sie hatten!

Ich versuche erst gar nicht, den Inhalt wiederzugeben. Aber vielleicht helfen Vergleiche, was den Wow-Faktor betrifft: Recursion zog mir ungefähr in dem Maße die Schuhe aus, wie Inception. Oder der erste Matrix-Teil. Oder Ted Chiangs Story of Your Life, der von mir oft gewürdigten Vorlage des Arrival-Films.

Überhaupt, Chiang … wenn man Crouch liest, und ich kannte ihn vorher überhaupt nicht, dann nimmt man eine gewisse Verwandtschaft zu Ted Chiang war: Beide sind Meister darin, große SciFi-Konzepte zu erdenken und in ihren Konsequenzen durchzudeklinieren. Crouch ist aber der bessere Storyteller. Chiang ist halt oft doch etwas fad. Nicht umsonst kleidet er einige seiner Short Stories in pseudo-journalistische Formate.

Recursion ist jedenfalls die beste SciFi, die ich seit vielen Jahren gelesen habe und Anwärter für mein persönliches Buch des Jahres. Und am Future Ltd.-Podcast werde ich nie wieder zweifeln.

Erich Kästner – Der Gang vor die Hunde

Von diesem Buch hatte ich noch nie gehört (tatsächlich glaube ich, dass ich Kästner praktisch nur mit Kinderbüchern assoziiert hatte), bis ich von einer kürzlich abgedrehten Verfilmung des Stoffes las:

Gerade hat Dominik Graf, einer der besten zeit­genös­si­schen Filme­ma­cher, »Fabian« abgedreht, seinen neuen Film, eine freie Adaption von Erich Kästners Roman »Fabian oder Der Gang vor die Hunde«.

Wie umgehen mit Anti-Demo­kraten? Der schwache Gegner Mendig und die Konse­quenzen seines Falls für den deutschen Film. Eine erste Bilanz erfolg­rei­cher Banden­bil­dung – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­gän­gers, 204. Folge bei Artechock

Die Veröffentlichungsgeschichte des Romans ist etwas kompliziert, was daran liegt, dass der Stoff außerordentlich explizit ist, für die zwanziger/dreißiger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts geradezu pornographisch, so dass der Verlag ihn nicht in der vorgelegten Form abdrucken wollte. Das wird im Anhang dieser Edition ausführlich erklärt.

Es gelingt Kästner beängstigend gut zu schildern, wie die vielfach inszenierten „Goldenen Zwanziger“ Berlins in den Nationalsozialismus kippen. Wie sich die Gewalt und Rohheit Bahn bricht. Und die Lethargie der Protagonisten dem nichts entgegensetzen will.

Ich bin ebenfalls gespannt auf die Verfilmung. Vor allem frage ich mich, ob der Film im Stile eines „Babylon Berlin“-Brimboriums ebenfalls in der Zwischenkriegszeit spielen wird, oder, ob man ihn in die Jetztzeit verlegt (was ich mir sehr gut vorstellen kann, aber nicht sicher bin, was ich davon halten würde).

Vielleicht ist das noch nicht deutlich geworden, aber dieses Buch ist außerordentlich gut. Eigentlich möchte ich es direkt nochmal lesen.

Lernt schwimmen!