Judith Hermann – Sommerhaus, später

Der Name Judith Hermanns fiel in den letzten Wochen aufgrund von Poetikvorlesungen, die sie in Frankfurt absolviert hat. Das nahm ich zum Anlass, um nach ein Vierteljahrhundert den Kurzgeschichtenband Sommerhaus, später wieder aus dem Regal zu ziehen.

Seltsamerweise konnte ich mich an einen Teil der Geschichten sehr gut, an die übrigen hingegen überhaupt nicht erinnern. Ebenfalls nicht mehr präsent war mir deren wirklich erstaunliche literarische Qualität, die wirkt ohne anstrengend zu sein.

Und die verstrichene Zeit seit Verfassen und Erscheinen – immerhin fünfundzwanzig Jahre? Vielleicht wären so offenkundig weiße thirtysomething Mittelstandsmenschen, die mal gar keinen und mal entspannten künstlerischen Berufen anstrengungslos nachgehen, so nicht mehr ohne Weiteres möglich. Berlin wäre wohl wesentlich präsenter (und nerviger) mit mehr Namen von Bezirken, Straßen und Lokalen, das ist hier zum Glück noch nicht so.

Eigentlich weiß ich aber verblüffend wenig darüber, was und wie moderne deutsche Literatur eigentlich so schreibt. Ein Umstand, den es zu ändern gilt, aber vorher lese ich noch mehr von Judith Hermann.

Andy Weir – Project Hail Mary

Dieses Buch habe ich schon seit gut einer Woche durchgelesen und die Review immer wieder aufgeschoben, denn sie kann nicht weniger als eine Huldigung sein.

Andy Weir erlangte Bekanntheit durch The Martian, welches durchaus sehenswert und erfolgreich mit Matt Damon verfilmt wurde. Project Hail Mary knüpft an das Rezept des Wissenschaftler-Protagonisten an, der sich aus einer ausweglosen Situation in die nächste hangelt, schraubt den Scope des Marsianers aber um Umdrehungen weiter: Es gilt, nicht weniger als ein menschheitsbedrohendes Extinction Event zu verhindern, dabei in ein benachbartes Sonnensystem zu fliegen und eine Lösung für ein Problem zu finden, von dem man überhaupt nicht weiß, ob es eine gibt. Und da sind die diversen fantastischen Plot Twists natürlich unterschlagen.

Weir ist einer der wenigen Autoren, die optimistische, technik- und wissenschaftsverliebte, nicht-militante Science Fiction schreiben, ohne dass man als Leser auf Spannung verzichten müsste. Im Future Ltd. Podcast erzählten sie, bei der NASA liebte man Andy Weir und es ginge immer jemand ran, wenn er anruft und Fragen hat, Und das scheint mir eine perfekte Umschreibung dieses Autoren zu sein.

Nava Ebrahimi – Das Paradies meines Nachbarn

Nur selten lese ich echte Literatur, zumal solche, die gerade in den Feuilletons besprochen wird. Dass ich durch diese Besprechung bei 54books auf Nava Ebrahimis zweiten Roman aufmerksam geworden bin, ist daher ein großes Glück.

Die Figuren, ihre Stimmen, die Erzählung, die Sprache alles hieran ist großartig. „Nava Ebrahimis Romane sind große Literatur“, schreibt Maryam Aras in der oben verlinkten Rezension. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Max Goldt – Ä

Vor rund einem Monat schrieb Paul Jandl in der NZZ, man müsste wieder mehr Max Goldt lesen. Ein ausgezeichneter Vorsatz, Quarantäne hin oder her.

Ich glaube, ich habe gut und gern zehn Jahre nicht mehr Max Goldt gelesen. Zumindest während meiner Moabiter Zeit nicht, denn dann hätte ich die Sache mit der Spirale in der Giraffe besser verstanden. Die Giraffe, ein Familienrestaurant in Tiergarten, gibt es nämlich noch. Wir waren aus nichtigen Gründen aber nie drin.

Max Goldt zu lesen erinnert mich an die Zeit, als man fast täglich mitten in der Nacht die Harald Schmidt-Show geguckt hat, weil sie zu der Zeit – so um 2000 rum – einfach so gut war. Die Kolumnen in Ä sind auch schon fast ein Vierteljahrhundert alt, was mich ein wenig fertig macht.

Heute Max Goldt zu lesen ist also ein wenig so, als hätte man 1996 Sachen von 1970 gelesen oder geschaut. Wer wäre das? Otto Waalkes? Oder Loriot? Loriot wäre gut, dessen Humor ist ja auch irgendwie zeitlos. Ist der Humor von Max Goldt überhaupt zeitlos? Manches wäre heute mehr als vor 25 Jahren eine ziemlich Grenzüberschreitung, fürchte ich.

Iain M. Banks – Excession

Der vierte Band von Bank’s hervorragender Culture-Reihe, leider auch der bisher am wenigsten packende (die vorherigen sind Consider Phlebas, Player of Games und Use of Weapons).

Am interessantesten sind in der Culture ja die Raumschiffe, die natürlich nicht von Crews und Kapitänen gesteuert werden (wie albern!), sondern sich mit Minds – künstlichen Intelligenzen – selbst steuern und verwalten, dabei gerne mal 90km lang sind und 200 Millionen Passagiere beherbergen. Mit anderen Worten: Die Culture verhält sich zu herkömmlicher Science Fiction wie diese zur Normalität, und zwar in fast jeder Hinsicht.

Zwar spielen etliche dieser Schiffe im Vergleich zu den vorherigen Bänden erfreulich wichtige Rollen in Excession, quasi Hauptrollen, aber insgesamt ist der Plot bis nahe an die Unverständlichkeit überfrachtet mit Verschwörungen, einer Liebesgeschichte und der titelgebenden Excession – einem Alien Artifact, dem selbst die Culture-Schiffe nicht gewachsen scheinen.

Stefan Zweig – Joseph Fouché

Nach Magellan und Montaigne schon der dritte von Zweigs biographischen Romanen, dieser mit dem Untertitel Bildnis eines politischen Menschen und derjenige, der mir mit großem Abstand am besten gefallen hat.

Vielleicht, weil es Zweig so vortrefflich gelingt, Fouché als Antihelden, als „vollkommensten Macchiavellisten“ und beispiellosen politischen Wendehals zu skizzieren, der in den Wirren der Französischen Revolution und der folgenden napoleonischen Zeit für jede relevante Fraktion als Strippenzieher und Manipulator tätig war.

Das ist in einem Maße spannend, dass ich mir mitunter wünschte, Serienautoren oder die Star Wars/Marvel-Leute würden sich diesen Stoff mal zur Gemüte führen – sei es zur Adaption, oder einfach als Vorbild. Gut geschriebene Villains sind halt einfach am unterhaltsamsten.

Anlass für diese Lektüre war ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung, der Fouché als historisches Vorbild für den Brexit-Mastermind und Johnson-Berater Dominic Cummings anführte. Das kommt mir nur bedingt plausibel vor, macht aber nichts.

Ursula K. Le Guin – The Left Hand of Darkness

Zum Jahresauftakt einfach mal wieder Le Guin lesen: Unbezahlbar. Anlass war dieser Artikel über den Hainish-Cycle, zu dem Left Hand wie auch The Dispossessed und auch The Telling zählen:

Ursula K. Le Guin left us with a wealth of stories and universes, but my favorite might be her Hainish cycle. I recently read, or re-read, every single novel and short story in the Hainish universe from beginning to end, and the whole of this story-cycle turned out to be much more meaningful than its separate parts.