Arthur Koestler – Darkness at Noon

Arthuer Koestler beschreibt Inhaftierung und Verhöre eines alten Bolschewiken, Rubaschow, der zunächst Verbrechen leugnet und schließlich gesteht, von denen er weiß, dass er sie nicht begangen hat.

Darkness at Noon ist ein geistiger Zwilling von 1984, jedoch frei von Dystopie und Fantastik. Die minimalistische Gefängnisgesellschaft wird hervorragend geschildert, Werdegang und Innenleben des Rubaschow ebenfalls. Ein hervorragender, bahnbrechender Roman.

Susanna Clarke – Piranesi

Piranesi bewohnt ein offenbar unendlich großes Gebäude, das aus nichts als Sälen besteht, die mit unzähligen Statuen möbliert sind. Im Untergeschoss tost die See. Piranesi erforscht das Gebäude, ernährt sich von dem, was das Meer bietet und trifft alle paar Tage den mysteriösen Anderen.

Wie Susanna Clarke aus dieser Grundidee eine ruhige, spannende, faszinierende und berührend erzählte Geschichte entwickelt, ist höchst bemerkenswert.

Für Bücher wie dieses schaue ich regelmäßig in die SF-Rezensionen beim Standard. Hier geht es zur vollständigen Review von Piranesi.

The Notwist – Vertigo Days

Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, habe ich mir 2002 Neon Golden via Filesharing beschafft, es mir keine zwei Male angehört und bin in den Bus gestiegen, um mir bei Ween in Bielefeld die Schallplatte zu kaufen. Wie ich gerade beim googlen feststelle, hat Ween für immer geschlossen. Hier ein Beitrag des Lokalfernsehens zu dem Laden:

Seitdem habe ich The Notwist komplett aus den Augen verloren. Neulich hörte ich von dem Neon Golden-Effekt, der beschreibt, wie ein Album international hervorragende Reviews, aber im Verhältnis wenige Abverkäufe erzielt. An mir lag’s nicht!

Das neue Notwist-Album jedenfalls, Vertigo Days, ist sehr sehr gut. So gut, dass ich erneut „zum Vinyl griff“, jedoch nicht in einem Laden (wie auch?), sondern als meine ersten physische Bestellung bei Bandcamp! Den digitalen Download gibt’s natürlich obendrein.

Stefan Zweig – Die Welt von gestern

Erinnerungen eines Europäers lautet der Untertitel dieses autobiographischen Buches.

Von Stefan Zweig las ich bereits die biographischen Romane über Montaigne, Magellan und Fouché mit wachsender Freude an seinem etwas schwelgerischen, ausladenden Stil, den ich zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig fand.

Seine Kindheit und Jugend im Wien der habsburger Zeit wird in einem Ausmaß als wunderbar und sorglos beschrieben, für die ich am liebsten das Wort bullerbüesk prägen würde.

Diesem Stil bleibt Zweig in Die Welt von gestern treu. Seine Kindheit und Jugend im Wien der habsburger Zeit wird in einem Ausmaß als wunderbar und sorglos beschrieben, für die ich am liebsten das Wort bullerbüesk prägen würde. Mit traumwandlerischer Leichtigkeit fndet er zu Lyrik und Schriftstellerei und bahnt mühelos Kontakt zu berühmten Zeitgenossen in ganz Europa an.

Gewollter Kontrast

Das wirkt mitunter arg verklärend, was vielleicht auch als gewollter Kontrast zu der Zeit ab 1914 gedacht ist. Zweig blieb das Soldatentum erspart, aber seine Schilderungen dieser Zeit, ihrer Kultur und Politik sind umso erhellender – gleiches gilt für die Zwischenkriegszeit und den aufkommenden Faschismus.

Es sind oft kleine Anekdoten und scheinbar randständige Vorkommnisse, denen Zweig Raum gewährt, stets erklärend, dass er diesen besondere Bedeutung beimisst, weil sie langsame und langfristige Prozesse und Veränderungen markieren.

Einmal mehr ein ausgezeichnetes Buch. Stefan Zweig avanciert zu einem meiner Lieblingsautoren.

Yuval Noah Harari – Sapiens

Das habe ich auch schon mal gelesen, mit wenig Erinnerung daran. Am meisten interessiert mich die menschliche Frühgeschichte, die aber kaum mehr als die erste Hälfte des Buches ausmacht.

Die Leistung Hararis, Geschichte, Politik, Wirtschaft, Kulturwissenschaft und noch ein geschätztes halbes Dutzend weiterer Wissenschaften in eine kurze Geschichte der Menschheit zu rühren, ist zweifellos beachtlich. Es liest sich halt nur wie ein Kinder- oder Jugendbuch – was auch diesem spezifischen Sachbuchstil geschuldet ist. Mein zwölfjähriges Ich hätte zwar nicht alles verstanden, wäre von Sapiens aber restlos begeistert gewesen.

Meinen Plan, dieses Buch nochmal und im Anschluss dann Homo Deus zu lesen, habe ich damit erstmal verworfen.

Alice Hasters: Was weisse Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten

Ein Buch, das ich schon längst hätte lesen sollen und nicht erst, nachdem gewisse Komödianten ihm zu Reichweite verhalfen. Gerade für Leute, die glauben, schon alles zu wissen und vieles richtig zu machen (ja, wie mich) eine dringend notwendige Kopfwäsche. Alltagsnah, schmerzhaft und viele ungeahnte Facetten über deutsche Kolonialgeschichte, Partnerschaft bis hin zu Sport beleuchtend/vertiefend. Außerdem mit einer exzellenten Literaturliste am Schluss.

NSU-Watch: Aufklären und Einmischen

Dieses Buch erhielt ich, weil ich Jahre zuvor an einem Crowdfunding oder einer ähnlichen Finanzierungsform des Projektes NSU-Watch teilgenommen habe.

Zum NSU habe ich schon einiges gelesen, unter anderem „Heimatschutz“ von Stefan Aust und Dirk Laabs. Die von der Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlichten Prozessprotokolle habe ich ebenfalls im Schrank stehen – das Format ist aber überaus sperrig.

Aufklären und Einmischen stellt ergänzend dazu einen hervorragenden Überblick über den Prozess dar und erklärt im Rahmen des wohl Möglichen, wie dieser zu einem Urteil führte, bei dem Neonazis im Zuschauerraum begeistert klatschten.

Kapitelweise widmet sich das Buch der so wichtigen Nebenklage von Angehörigen der Opfer und Überlebenden, den Angeklagten, der Bundesanwaltschaft, Zeuginnen und Zeugen sowie der Rolle der Öffentlichkeit.

Eine unbedingte Leseempfehlung, um an die Dringlichkeit des Widerstandes gegen den Terror von Rechts erinnert zu werden.

Nochmal gelesen: (Ent-)Demokratisierung der Demokratie

Vor ein paar Wochen hatte ich das Bedürfnis, diesen Band nochmal zu lesen – nicht als eBook, sondern gedruckt. Vor allem wohl, weil meine Kindle-Highlights mir mit ein paar Monaten Abstand völlig nichtssagend erschienen. Genau das Problem, das in dem Smart Notes-Buch angesprochen wurde. Ist nicht so, dass ich es nicht weiß, ich bin nur oft zu faul, es anders zu machen.

Leif Randt – Allegro Pastell

Tatsächlich ein sehr gutes Buch, das ich natürlich auch gelesen habe, um mich zu vergewissern, dass ich nicht nur nicht wie diese Leute bin, sondern auch nicht wie sie sein will. Diese Erwartung wurde nicht enttäuscht, aber darin erschöpft sich die Lektüre nicht.

„Alles ist extrem gut ausgeleuchtet“, schreibt Ijoma Mangold bei Zeit Online, was fast wortgetreu einer meiner Notizen entspricht – nämlich bezogen auf das grelle Innenleben der beiden Hauptfiguren von Allegro Pastell.

Das Buch ist vielleicht psychologisch (und nicht soziologisch) interessant, weil es diese Haltung des Ich, des Selbst, des Körpers, der Psyche als Projekt, als form- und steuerbar so gut abbildet. Weit jenseits von bloßer Selbstoptimierung (darüber sind die weit hinaus), auch von jener Form, die Illiberale als neoliberal brandmarken. Dabei ebenso sympathisch wie unsympathisch: Interessant eben, also im Wortsinne dazwischen. Leben Menschen heute wirklich so? Fast möchte ich es nicht wissen.