Sönke Ahrens – How to take smart Notes

Jaja, ein „how to“-Buch, aber ein gutes, denn es werden die kognitiven und organisatorischen Prinzipien bei der Handhabung eines Zettelkastens erläutert – natürlich nach dem Vorbild Niklas Luhmanns.

Das Buch ist in der Roam-Community sehr populär und wird gerade in einem Roam Book Club gemeinschaftlich gelesen, aber ich lese ja lieber alleine. Insgesamt sehr instruktiv, angenehm kurz und durchaus kurzweilig. Auch wenn ich jetzt sicherlich nicht parallel sieben Papers schreiben werde …

Frank Herbert – Dune

Die Denis Villeneuve-Verfilmung des Wüstenplaneten wurde gerade erst bis weit in das nächste Jahr verschoben, während ich mich einmal mehr durch die Buchvorlage schmökerte – dieses Mal mit Fokus auf die erste Hälfte des Bandes, die der Film abbilden soll.

Ich bin immer noch latent skeptisch, wie aus dem alten White Savior/Der mit dem Wolf tanzt-Stoff eine zeitgemäße Filmfassung entstanden sein kann, mein Vertrauen in Villeneuve (und den hervorragenden Cast) ist aber groß. Besonders schwer wird mir das Warten auf diesen Film dennoch nicht fallen.

Michael Kleeberg – Vaterjahre

Es kommt selten vor, dass mich eine Erzählstimme so anspricht wie die Kleebergs in Vaterjahre.

Inhaltlich irgendwo zwischen Gesellschaftsroman und Psychogramm schildert das Buch die Person Karlmann Charly Renn durch sämtliche Facetten; Familie, Beruf, Freunde, hobbies, Werdegang. Das hat alles nahezu nichts mit mir zu tun, spricht mich aber dennoch an.

Blake Crouch – Dark Matter

Nachdem mich Recursion sehr begeistert, war ich auf die andere, oft gelobte Geschichte von Blake Crouch gespannt. Dark Matter ist ebenfalls ein packender Science Fiction-Thriller, statt um Zeitreisen geht es um Paralleluniversen. Sehr spannend und kurzweilig. Recursion hat mir nur ein wenig besser gefallen.

John Lanchester – The Wall

Schon wieder eine Empfehlung der Rundschau, dieses Mal keine genuine Science Fiction, sondern eher eine Dystopie.

Besonders im ersten Drittel schafft The Wall diese trostlose Atmosphäre, die mich gelegentlich an Orwell denken ließ: Großbritannien hat sich in der Zukunft komplett eingemauert und setzt hundertausende seiner BürgerInnen im Zwangswachdienst zur Abwehr von Bootsflüchtlingen ein.

Später wandelt sich die Geschichte dann zu einer etwas schlichten Survival-Abenteuergeschichte – ein wenig The Walking Dead (Der Mensch ist des Menschen Wolf) auf hoher See. Besonders der Schluss wirkt, als wusste Lanchester nicht wirklich, wohin mit seiner eigentlich spannenden Ausgangslage. Macht aber nichts: Toll geschrieben ist The Wall allemal.

Philip Manow – (Ent-)Demokratisierung der Demokratie

Wenn ich in einem Buch wahnsinnig viel anstreiche, dann heißt das zum einen, dass es ein sehr gutes Buch ist und zum anderen, dass ich sehr schlecht im Anstreichen bin (ich gebe bequemerweise dem Kindle die Schuld).

Dieser Essay des Politikwissenschaftlers Philip Manow ist ein solches sehr gutes Buch, vielleicht handelt es sich sogar um die beste politische Zeitdiagnose die ich kenne – nicht zuletzt, weil ich einige der Annahmen und Schlüsse vergleichsweise unbequem finde.

Krise der Repräsentation

Manow schließt sich all jenen nicht an, die eine Krise der Demokratie zu erkennen glauben; er attestiert vielmehr der Demokratie eine Krise der Repräsentation. Repräsentation war das Prinzip, wie er in einem historischen Abriss der französischen wie amerikanischen Revolution aufzeigt, welches Demokratie – die damals verhasst war – überhaupt möglich machte: „Demokratie, so die seinerzeit dominante Auffassung, sei eine Gefahr für das Gemeinwesen, eine Form der Klassenherrschaft, die sich mit einer bürgerlichen Eigentumsordnung nicht vertrage.“ So war und ist die Primärfunktion der Repräsentation zunächst Exklusion – Volksherrschaft ohne Volk, sondern durch seine Eliten. Der „republikanische Kompromiss“.

Die Krise der Repräsentation macht Manow nun als „Funktions- und Legitimationsverlust bewährter Artikulations- und Repräsentationsinstanzen“ fest, genauer der politischen Parteien, der Parlamente und der Medien.

Demokratisierung von Parteien und Medien

Parteien, so Manow, durchliefen tatsächlich eine Demokratisierung, wie er an dem erleichterten Zugang von politischen Freibeutern wie Trump oder Sanders zu den US-Vorwahlen und an den immer beliebter werdenden Urwahlverfahren europäischer Parteien belegt. Allerdings geben sie damit auch ihre Repräsentationsfähigkeit preis, denn solche Verfahren begünstigen in der Tendenz immer Kandidaten der Ränder, die zwar der Parteibasis und ihren Sympathisanten gefallen, im anschließenden Wahlkampf aber kaum mehrheitsfähig seien. Beispielhaft wird hier die Momentum-Bewegung von Jeremy Corbyn und die Spreizung der französischen Parteienlandschaft genannt. Letztere eröffnete Macrons La République en Marche erst den Raum zu seinem Wahlsieg.

Manows Mediendiagnose ist hingegen sattsam bekannt: Gesunkene Zugangshürden, der Verlust der Intermediäre, die direkte Ansprache der Bürger durch Parteien und Politiker unter Umgehung etablierter Massenmedien. Also auch hier Repräsentationsverlust durch fortschreitende Demokratisierung.

Und die Parlamente? Hier diagnostiziert Manow eine zunehmende Entmachtung bedingt durch Verrechtlichung, Globalisierung, Europäisierung. Vor allem der erste Punkt wird von Manow offenbar äußerst kritisch gesehen. Der politische Streit verlagere sich „zunehmend aus dem Parlament ins Rechtssystem“ und mehr noch: Das Kodierungsverhältnis zwischen Recht und Politik habe sich „tendenziell umkehrt: von der demokratisch legitimierten Positivierung des Rechts, das dann durch Rechtsprechung ausgelegt wird, hin zur weitgehenden Programmierung der Politik durch ein autonomes, dieser Positivierung gerade entzogenes Recht.

Paradoxie

Hiermit ist übrigens nur der erste, aber für mich auch gewinnbringendere Teil des Essays abgedeckt. Neben der Demokratisierung erkennt Manow eine parallel laufende – und durch sie verstärkte – Entdemokratisierung. Hier franst Manows Argumentation für mein Verständnis (nach der ersten Lektüre) etwas aus, streift den Nationalstaat, Universalismus, die Idee, dass man die Demokratie schon in die Krise versetzt, wenn man ihre Krise diagnostiziert. Der Kern des Arguments scheint aber unter Anwendung von Luhmanns Figur des Re-Entry (ich freue mich ja immer, wenn mal die einzige soziologische Theorie, die ich wirklich kenne, Anwendung findet) die Paradoxie zu sein, innerhalb der Demokratie über die Unterscheidung demokratisch/undemokratisch diskutieren zu müssen. Das mutet etwas esoterisch an, wird von Manow aber sehr eindrucksvoll in Worte gekleidet. Das folgende Zitat ist nur ein Beispiel dafür:

Es ist also geradezu unsere demokratische Pflicht, die Gesellschaft ganz entschieden und mit allen politischen Konsequenzen in zwei Gruppen zu teilen: in diejenigen, die die Gesellschaft in zwei Gruppen teilen, und in die, die das nicht tun.

Massimo Pigliucci – Die Weisheit der Stoiker

Schon wieder ein Buch durch, ich hab halt Urlaub.

Massimo Pigliucci ist mir in den vergangenen Jahren schon des öfteren als ein moderner Protagonist des Stoizismus untergekommen, völlig zufällig stieß ich auf sein Buch in der Bochumer Stadtbücherei – und bin sehr angetan.

Nicht nur, weil Pigliucci den antiken Vordenkern – allen voran Epiktet – gerne auch mal widerspricht, wenn es darum geht, ihre Philosophie zu modernisieren. Auch kontrastiert er verschiedene Gedanken mit moderneren Denker*innen, beispielsweise Hannah Arendt.

Der wohl wichtigste Beitrag dieses Bandes besteht aber darin, den oft unterschätzten oder unterschlagenen sozialen Charakter des Stoizismus hervorzuheben. Wer Stoizismus wahrhaftig praktizieren will, ist kein abgeschiedener Eigenbrödler, sondern stellt sich in den Dienst der Allgemeinheit und seiner Mitmenschen.