Kathrin Passig – Je Türenknall desto Wiederkomm

Alle Kolumnen von Kathrin Passig aus dem Jahr 2020: Es geht um Technik, Technologie, Gesellschaft und angenehm weit im Hintergrund spielt natürlich auch die Pandemie eine Rolle – dazu etwas, was bessere Rezensenten als ich sicher als ‚feinsinnigen Humor‘ oder ‚hintergründig‘ bezeichnen würden. Kurz: Die Lektüre bereitete mir Vergnügen.

Iain M. Banks – The State Of The Art

Achja, diese Sammlung an Kurzgeschichten von Banks habe ich gelesen. Es gibt darunter einige, die in der Culture spielen, eine sogar, in welcher die Culture die Erde besucht. Unter dem Strich ist Iain Banks für mich als Long Form-Autor besser – ausgerechnet in einem Genre, in dem ich eigentlich bevorzugt Kurzgeschichten lese.

Max Brooks – Devolution

Bigfoot-Horror des World War Z-Autoren Max Brooks, mit satirischen Einsprengseln über die volldigitalisierte Nachhaltigkeitsgesellschaft. Ein durchaus unterhaltsames Buch, wenn man sich denn auf die Möglichkeit von menschenfressenden Riesenaffen in Nordamerika einlässt. Empfohlen einmal mehr von der Rundschau und auch in ihrer Jahresbestenliste 2020.

Alexander Weinstein – Universal Love

Nach der Lektüre von Wool gelüstete mich nach Kurzgeschichten und prompt sprang mich in der Vorstellung der besten Science-Fiction-Bücher des Jahres bei Der Standard diese Sammlung von elf Geschichten an.

Als „das Beste, was man an SF-Kurzgeschichten bekommen kann, wenn nicht gerade mal wieder Ted Chiang etwas Neues veröffentlicht“ wurde der Band dort angepriesen und – sorry – aber das geht etwas zu weit. Stilistisch ist Weinstein in der Tat nah an Chiang und dessen oft distanziert berichtendem, fast journalistischem Stil. Aber dieser Stil ist ja nicht die eigentliche Stärke von Chiang, sondern wird durch bahnbrechend gute Ideen aufgewogen.

Weinstein interessiert sich für die Wechselwirkungen von Technologie und Beziehungen. Da werden aus den Social Media-Archiven von Verstorbenen Avatare errechnet, die diese überzeugend weiterleben lassen. Kinder entgleiten ihren Eltern, nachdem sie Implantate erhalten haben, mit denen sie online gehen. Gamer steuern in einer Ender’s Game meets Drohnenkrieg-Variation echte Kampfmaschinen.

Man merkt: Weinstein blickt skeptisch, warnend-konservativ auf Digitalisierung, Vernetzung und Social Media. Das finde ich inzwischen aber zu erwartbar und langweilig, weil es sich bezogen auf Gegenwart und nahe Zukunft mit meinen Einschätzungen und Erwartungen deckt, für die fernere Zukunft aber wiederum nicht meinen Erwartungen entspricht.

Niklas Luhmann – Soziale Systeme

Das hat mehrere Anläufe gebraucht und hat dank mindestens einer längeren Pause auch viel Zeit in Anspruch genommen. Letztlich war es eine Art Marathon und ich habe es entsprechend auch überwiegend mit dem sportlichem Ehrgeiz gelesen, es zu vollenden.

John Scalzi – Old Man’s War

Nachdem zu lesen war, dass Old Man‘s War eine Serie sei, die zudem lesenswert ist, notierte ich mir die erneute Lektüre, des ersten Bandes, den ich 2015 als eBook gekauft und sehr wahrscheinlich dann auch gelesen habe.

Erst als ich mir das Buch aus dem Kindle-Archiv fischte, realisierte ich, dass ich es im Kopf mit The Forever War von Joe Haldeman verwechselte, einer anderen Military SF-Geschichte. Das lese ich später einfach auch nochmal.

Old Man’s War bedient das Boot Camp-Setting, bekannt aus Filmen wie Full Metal Jacket, einschließlich „training The Spartan Way, plenty of Physical Fitness Punishment, the obligatory Drill Sergeant Nasty“. Das Gimmick steckt im Titel: Die Rekruten sind alte Menschen um die 75, die in junge Körper versetzt werden, um für die Colonial Defense Forces der Menschheit gegen etliche martialische Alienvölker zu kämpfen.

Warum das so ist, wird eher unbefriedigend erklärt. Gesorgt ist immerhin für Comic Relief während der Ausbildung und unser Protagonist erhält jede Menge Vergangenheit, die dann im letzten Drittel des Buches relevant wird.

“No one likes an overachiever, Captain”

Mein Problem mit Military-Stoffen ist stets dies: Wer im hochtechnisierten Krieg überlebt, hat meiner Überzeugung nach vor allem Glück. Ein Glückspilz ist aber ein langweiliger Protagonist. Also muss unser Held eben doch ständig alles besonders gut und besser als alle anderen können – ein richtiger Streber also.

Aber: Flott und spaßig geschrieben ist das Buch allemal und als nächstes gebe ich mir die Fortsetzung.

Andrew Hunter Murray – The Last Day

Neulich schaute ich mal wieder in die SF-Rezensionen-Rubrik beim Standard – an deren neues Layout ich mich nie gewöhnen werde – und fand Gefallen an der Prämisse von The Last Day: Die Erde hat aufgehört sich zu drehen, eine Seite ist nun ewig der Sonne zugewandt, auf der anderen herrscht ewige Nacht.

Großbritannien liegt in der leidlich bewohnbaren Zone dazwischen und hat sich zu einer Diktatur gewandelt, die den Mangel verwaltet und mit höchster Brutalität Geflüchtete abwehrt (darin besteht verblüffende Ähnlichkeit zu The Wall).

Das sind die äußersten Rahmenbedingungen eines erstaunlich normalen Thrillers mit durch die Gegend fahren, Häschern entkommen und Leute suchen. Am Ende steht die Aufdeckung eines großen, die Handlung vorantreibenden Geheimnisses. Keinesfalls ein schlechtes Buch, aber nun auch keine vor überwältigenden Ideen strotzende Science Fiction.

Theresa Wobbe – Weltgesellschaft

Wollte man Empire vereinfachen, würde man es als Beschreibung des politischen Systems in der Weltgesellschaft beschreiben. Das hilft außer mir vermutlich niemanden, war aber immerhin Anlass, gleich noch ein Lehrbuch aus Studiumszeiten hervorzuholen.

Dieser Band, erschienen im Jahr 2000, ist mit unter 100 Seiten locker an einem Tag durchgelesen und gibt einen kursorischen Überblick zu drei theoretischen Aufschlägen von der Weltgesellschaft, nämlich von Peter Heinz, John W. Meyer und – ein Glück – Niklas Luhmann.

Das Buch lässt sich beim Transcript Verlag frei als PDF herunterladen.

Bei der Recherche, ob und wie das Thema heute noch relevant ist, wurde ich gewahr, dass es Google Scholar noch gibt! Das hat sich irgendwie die Anmutung von Google vor 15 Jahren bewahrt, einschließlich des längst vergangenen Don’t be evil-Charmes.

Ulrich Menzel – Zwischen Idealismus und Realismus

Anknüpfend an Empire reizte es mich, zu ein Buch aus meinem Studium zu greifen. Internationale Beziehungen haben mich zwar nicht besonders interessiert, jedenfalls weniger als vergleichende Politikwissenschaft, Parteien und vor allem soziologische Systemtheorie, aber vor allem mit Blick auf die vergangenen 15 bis 20 Jahre ist die Monographie dennoch spannend. Greifen die Theoriestränge überhaupt noch? Der vorletzte Absatz des Bandes passt, finde ich:

Kapielski – Danach war schon

Im Anschluss an die Goldt-Lektüre wurde mir Thomas Kapielski empfohlen, von dem ich bis dato noch nie gehört habe. Mit Gottesbeweisen hat das zum Glück nur in humoristischer Weise zu tun.

Kapielski schreibt weniger abgeklärt als Goldt, sondern mehr aus eigenem Erleben. Weite Strecken des Buches handeln von seinen früheren Reisen in die DDR, nach Polen und Moskau – weit überwiegend vor der Wende. Stets geht es auch ums Biertrinken, wenn möglich in West-Berliner Kneipen. Eine gewisse Lustigkeit ist nicht von der Hand zu weisen.

Am lustigsten fand ich seine Schilderungen von der „taz“ in den achtziger Jahren und vor allem dem dortigen Kaffeegenuß. Allerdings:

Seine Tätigkeit als Kolumnist für die taz endete 1988 mit einem Eklat, nachdem Kapielski in einem Artikel die Edeldisco Dschungel als „gaskammervoll“ bezeichnet hatte.

Über genau diesen Eklat lässt er sich dann auch über mehrere Seiten im Stile eines missverstandenen Künstlers aus, das ist ein wenig peinlich. Gut, dass sich das Ganze vor Twitter und Facebook abgespielt hat und es so niemand liest.