Accountverzicht

Vor vielen Jahren habe ich mit ebenso großer Begeisterung wie Sorglosigkeit jeden Webdienst, jedes Online-Tool, das mir unterkam, ausprobiert. Daran erinnern mich heute die immer regelmäßiger eintreffenden Hinweise auf „Sicherheitsvorfälle“, oft von Accounts, die ich längst vergessen habe.

Eine Konsequenz daraus ist meine immens gewachsene Zurückhaltung, wenn es darum geht, mich irgendwo neu anzumelden. Mein Vertrauen in die Sicherheit von Logindaten ist dahin. Verlage oder Shops, die Käufe nur mit Account zulassen, meide ich; auf Webdienste, die ich nicht sicher brauche, verzichte ich. Verlagsangebote wie das der FAZ, wo man ein E-Paper einfach nur mit E-Mail-Adresse erwerben kann, schätze ich hingegen.

Und klar: Wenn ich mich irgendwo neu anmelde, dann mit sicherem Passwort über einen Passwortmanager. Aber machen Sie das mal auf dem Smartphone. Das sind selbstgewählte Hürden, die auch abeschreckend wirken.

Eine öffentlich-rechtliche soziale Plattform?

Wie aber müsste eine soziale Plattform beschaffen sein, auf der man sich gerne aktiv mit Fremden austauscht? Sie müsste erstens öffentlich-rechtlich sein; und zweitens trotzdem Spaß machen.

Philipp Bovermann spricht sich in der Süddeutschen für eine öffentlich-rechtliche soziale Plattform als Gegenmodell zu Facebook, Twitter und Co. aus. Denn Facebook hätte längst das Interesse an einer digitalen Öffentlichkeit verloren und dirigiere seine Nutzer „hinter unsichtbare Mauern, um sie vor einer möglichen Stressquelle abzuschotten: Menschen mit anderen Meinungen“.

Vorweg: Ich fände es gut, würde die öffentliche Hand es als ihre Aufgabe betrachten, digitale Öffentlichkeit(en) im Rahmen der Grundversorgung zu fördern. Das könnte sie zum Beispiel tun, indem sie die Weiterentwicklung von Protokollen wie beispielsweise ActivityPub fördert.

Aber gibt es konkreten Bedarf an einer öffentlich-rechtlichen sozialen Plattform? Der ÖR-Rundfunk – als offenkundiges Beispiel – hat den Auftrag, „im Interesse von Informationsfreiheit und Demokratie, ein vielfältiges, umfassendes und ausgewogenes mediales Angebot zu sichern“.

Die Gefahren bestehender Netzwerke für Informationsfreiheit und Demokratie sind derzeit evident und werden in vielfältiger Weise diskutiert – Netzwerke wie Facebook versuchen bereits zu reagieren. Zugleich sind die in Rede stehenden Unternehmen und Technologien durchweg sehr jung und wir wissen derzeit nicht, ob diese Gefahren Bestand haben werden, ob die technischen und designbezogenen Maßnahmen greifen werden, oder ob sich sogar die sozialen Praktiken von NutzerInnen im Umgang mit ihnen einfach ändern.

Zugleich ist der Auftrag des Rundfunks, Vielfalt und Ausgewogenheit zu zu fördern, für diesen praktisch erfüllbar (um die Frage, ob er erfüllt wird, geht es hier nicht – ich meine ja). Soziale Netzwerke, die solche oder vergleichbare Zwecke verfolgen sollten, müssten diese aber auf der Ebene des Designs, der Technologie, der Algorithmen umsetzen. Dieses Problem halte ich für ungelöst. Bovermann hält es für möglich:

Es könnte tatsächlich sein, dass der implizit in sie hineinprogrammierte Gesellschaftsentwurf einer öffentlich-rechtlichen Plattform dazu führt, dass es dort angenehmer ist, mit fremden Menschen in Kontakt zu treten.

Bei dieser Idee eines „hineinprogrammierten Gesellschaftsentwurfs“ werde ich allerdings unruhig. Wie anspruchsvoll und fehlerbehaftet Versuche sind, Gesellschaft in Code abzubilden, zeigen zahllose Beispiele, von sozialen Medien selbst, über Blockchain bis hin zu dem, was derzeit als künstliche Intelligenz vermarktet wird.

Aus meiner Sicht müsste die Diskussion genau da ansetzen: Netzwerkdesigns, die Filterblasen überwinden wo sie stören, vielleicht aber auch fördern wo sie sinnvoll sind – etwa wenn sich Gleichgesinnte einfach erstmal finden müssen, gewissermaßen das digitale Äquivalent zu Parteien.

Zu bedenken ist: Überall dort, wo sich analog „Marktplätze politischer Ideen“ formierten, die Bovermann digital nachbilden möchte, hatten diese nur Bestand, wenn sie hochgradig reglementiert und (so meine Wertung) zivilisiert wurden, seien es Parlamente oder Parteien durch Moderation, Geschäftsordnungen, Satzungen, Rednerlisten, Redezeitbegrenzung etc. Das genaue Gegenteil also davon, dass einfach alle miteinander reden. Ob und wie solche Strukturen digital abbildbar sind, halte ich für offen.

13.2.19: Textfiles!

Heute überkam mich einmal mehr das Nerdtum – speziell die Eingebung, meine textbasierte Infrastruktur auf reine Textdateien (also *.txt) umzustellen. Konkret und in verblüffend kurzer Zeit:

  • sammle ich jetzt meine To-Dos mittels todo.txt. Eine schlanke Windows-Anwendung (ebenso gut könnte ich in einem Texteditor arbeiten, wenn ich die Syntax kenne), eine kleine Android-App und das ganze synchronisiert via Nextcloud.
  • Für Notizen und Texte unterschiedlicher Menge probiere ich einmal mehr Zim Wiki aus, eine textfile-basierte Wikisoftware. Hier besteht die Herausforderung vor allem darin, endlich Notizen aus (viel zu vielen) verschiedenen Quellen an einem Ort zu bündeln.

Außerdem probiere ich seit ein paar Tagen hypothes.is aus, mit dem sich Websiten und PDFs(!) im Browser annotieren (sowas wie ein digitaler Textmarker) und kommentieren lassen. Funktioniert sehr gut. Nur muss ich meine Hervorhebungen und Anmerkungen wohl händisch in Textfiles kopieren. Textfiles!!1

Blogposts und Statusbeiträge

Ich habe mein Setup jetzt so verändert, dass kürzere Statusupdates nicht mehr hier, sondern auf micro.wolfwitte.de landen. Von dort aus werden sie auf Twitter, Mastodon und Micro.Blog gespiegelt.

Hier werde ich ausschließlich längere Beiträge veröffentlichen, die dort dann aber verlinkt werden – so das funktioniert, was mit genau diesem Beitrag getestet wird.

Das Doofe ist, dass Fotobeiträge dann eigentlich auch nur noch auf dem Microblog landen dürften, was die hiesige Fotosammlung obsolet werden lässt. Gleiches gilt für die Bookmarks, aber da ich mit den Post Kinds zuletzt ohnehin nicht mehr gearbeitet habe, ist das dann auch egal…

Over 1 million Webmentions will have been sent across the internet since the specification was made a full Recommendation by the W3C—the standards body that guides the direction of the web—in early January 2017. That number is rising rapidly, and in the last few weeks I’ve seen a growing volume of chatter on social media and the blogosphere about these new “mentions” and the people implementing them.

So what are Webmentions and why should we care?

Webmentions: Enabling Better Communication on the Internet

Blockchain: Yay or nay?

Am interessantesten am Bitcoin-Hype ist die brummende Debatte um die darunterliegende Blockchain-Technologie.

Einerseits Kai Stinchcombe hier:

Ten years in, nobody has come up with a use for blockchain

Everyone says the blockchain, the technology underpinning cryptocurrencies such as bitcoin, is going to change EVERYTHING. And yet, after years of tireless effort and billions of dollars invested, nobody has actually come up with a use for the blockchain—besides currency speculation and illegal transactions.

Andererseits Ben Schiller bei fastcompany:

2018 Is Going To Be A Massive Year For Blockchains, The Tech Behind Bitcoins

You’ve heard of the surging alternate currency, but that’s just a peek at what the underlying technology will enable in the next year.

Testing: NoteStation

Aber Evernote speichert meine Daten auf Servern in den USA. Was läge also näher, meine Netzwerkfestplatte von Synology – die ich schon als Dropbox-Alternative, Backup-Festplatte und Foto-Album nutze – auch als Evernote-Ersatz einzusetzen? Mit NoteStation bietet Synology genau dafür eine kostenfreie App, die im Browser und auf Android- bzw. iOS funktioniert. Ich habe mir diese Evernote-Alternative genauer angeschaut.

Eben. Zumal Evernote ja in Zukunft mehr denn je zu meiden sein wird (falls sie davon nicht zurückrudern).

Via journalisten-tools.de

Known

logo_betaWeil ich immer alles ausprobieren muss und weil ich die Idee, möglichst viel auf meinem „eigenen“ Webspace (zumindest zahle ich ja dafür) zu lassen, sehr ansprechend finde, habe ich keine Mühen gescheut, um das Social Media-Dingsbums Known auf meinen Server zu heben.

Mit Known lässt sich die Idee des Publish (on your) Own Site, Syndicate Elsewhere umsetzen, soll heißen: Ich poste auf meiner Known-Seite Kram, der dann in die Social Media-Plattformen meiner Wahl hineinströmen kann. Die Reaktionen sollten – das funktioniert aber anscheinend noch nicht – dann auch wiederum auf der Known-Seite gespiegelt werden.

Den Sinn der Sache erklärt Konrad Lischka besser als ich es könnte:

Die Datensilos bekommen eine Kopie, man behält jedoch den Ursprung der eigenen öffentlichen Rede in einer eigenen Datenbank, auf eigener Infrastruktur – außerhalb der Datensilos. Das hat einige Vorteile:

  • Menschen, die nicht geschlossene Netzwerke nutzen wollen (oder nicht dasselbe, das man selbst bevorzugt), können dennoch im offenen Web dem eigenen Gedankenstrom verfolgen.
  • Known unterstützt Standards wie RSS – die grundlegende Infrastruktur des dezentralen, offenen Netzes.
  • Man erreicht Menschen, die unterschiedliche Datensilos nutzen und bindet Reaktionen ein.

Nebenbei stärkt jeder Known-Nutzer das dezentrale, offene Netz und digitale Nachhaltigkeit.

Fünf Faustregeln für nachhaltige digitale Dienste – und ein großartiges Beispiel namens Known

In diesem Sinne passiert das, was sich in den vergangenen Wochen mehr recht als schlecht auf diesem Blog ereignete, nämlich das Bilder, Zitate und Links posten, künftig vermehrt unter wolfwitte.de/known. So lange zumindest, bis es was neues auszuprobieren gibt.

 

Lies es später


Mehr durch Zufall entdeckt und zum Laufen gebracht: Wallabag, ein Read it later-Dienst zum selbsthosten. Alles schön schlicht schwarz-weiß. Android-App auch. Mal gucken, ob das was für den Dauergebrauch ist – Pocket ist ja nun nicht gerade von schlechten Eltern.

Musik kuratieren richtig gemacht

Was mir ja derzeit immer sympathischer wird, ist der Musikdienst Bandcamp. Immer sympathischer deshalb, weil sie ihre Plattform in letzter Zeit verstärkt ausbauen und um Funktionen anreichern, die sie zum vielleicht besten Ort im Web zum Entdecken und Erwerben von Musik machen.

Seit jeher erlaubte Bandcamp das Streamen sämtlicher gehosteter Songs. Unbegrenzt, soweit ich weiß. Die Preispolitik ist fast immer fair; etliche Künstler geben ihre Musik auch kostenlos (oder zu Mindestpreisen frei). Von den Verkaufserlösen behält die Plattform laut Wikipedia 15 Prozent ein, ab Einnahmen von mehr als 5.000 US-Dollar noch 10 Prozent.

Follower-Prinzip


Das war alles schon immer so. Neu hinzugekommen sind Funktionen, wie man sie aus den so genannten social media kennt: Man hat ein Profil, das die erworbenen Alben sowie die persönliche Wishlist darstellt (mit der Möglichkeit eigener Reviews). Man kann Künstlern wie auch anderen Nutzern der Seite folgen und sieht seit Kurzem im Music Feed deren jüngste Anschaffungen, Reviews, Wishlist-Ergänzungen etc. Empfehlungen von Leuten, denen es sich zu folgen lohnen mag, erhält man unter Angabe der Übereinstimmungen in den jeweiligen Musiksammlungen.

Neben all dem Follower-Zeugs, das mir bereits jetzt außerordentlich viel Freude bereitet, ist die Startseite des Dienstes ein besonderes Schmankerl, wird hier doch das Buzzword Curation (Beispiel-Link) überaus ansprechend umgesetzt: Bandcamp Weekly ist ein wöchentlicher Podcast, der mehr ist als einfach nur als Stream, sondern die jeweils gespielten Songs so darstellt, dass man sie direkt der Wunschliste hinzufügen, oder käuflich erwerben kann. Das Fan Spotlight weiter unten präsentiert ausgesuchte Nutzer (und Gäste) mit deren Reviews. Das war der Ort, an dem ich begonnen habe, Leuten zu folgen – und von wo aus ich etliche Alben erworben habe.

Relativ jung ist die mobile App von Bandcamp, die allmählich um all diese Funktionen angereichert wird: Seit dem letzten Update kann man auch dort den Music Stream und Bandcamp Weekly anhören, von Beginn an ließen sich sämtliche erworbenen Titel und Alben in der App streamen.

Die Konkurrenz: Soundcloud

Ja, das ist der Vergleich, der sich wohl geradezu aufdrängt, bei dem Bandcamp für mich aber auf ganzer Linie gewinnt. Das fängt bei der Präsentation der Musik an: Ich habe der Darstellung von Songs als Waveforms mit dieser in-Track-Kommentarfunktion im my favorite part!!!!!1-Stil noch nie viel abgewinnen können, so technisch ausgereift es sein mag. Ich will die Musik hören, nicht betrachten oder lesen.

Nicht zuletzt deshalb wirkt Bandcamp auf mich insgesamt liebevoller, wärmer und zugleich weniger technisch und kühl als Soundcloud. Und was mich besonders anspricht, ist, wie Bandcamp den Fokus auf Alben (oder EPs) legt, wo bei Soundcloud scheinbar stets der einzelne Track im Fokus steht. Jedenfalls hatte ich oft Schwierigkeiten, sämtliche Songs eines Albums zu finden oder zu hören, wenn es bei Soundcloud verfügbar gemacht worden sein soll. Und nicht zuletzt kann ich mir den Kram bei Bandcamp dann auch kaufen – ob und wie das bei SC möglich ist, erschließt sich mir nicht.

Wobei ich letztlich überhaupt kein Problem mit Soundcloud habe. Ich nutze es selten, weil es nicht zu mir zu passen scheint. Bandcamp schon. Schlussendlich sind alle Konkurrenzangebote zu Amazon, Spotify, itunes und wie sie alle heißen, zu begrüßen. Hoffen wir nur, dass Bandcamp nicht irgendwann von so jemandem aufgekauft wird.