Ian M. Banks – Inversions

Inversions ist wenig wie die Star Trek-Episoden, bei denen sich Crewmitglieder unter die Bevölkerung eines weniger weit entwickelten Planeten mischen – hier erzählt aus Sicht dieser Bevölkerung. Oder auch wie die Garfield minus Garfield Comics.

Es ist den Fähigkeiten von Ian Banks zu verdanken, dass sich dieser Roman, in dem die utopische Scifi-Gesellschaft Culture lediglich in wenigen Andeutungen vorkommt, dennoch so gut liest. Im Grunde ein Historienroman in einer alternativen frühen Neuzeit, mit exzellent geschriebenen Figuren.

Zugegebenermaßen blieb ich als Leser auch deshalb am Ball, weil ich einen Showdown erwartete, in dem die Culture-Agenten sich offenbaren müssen. Den gibt es auch, allerdings inkonsquenter als erhofft. Auch bleiben die beiden Erzählstränge weitgehend unabhängig voneinander; das führte zu milder Enttäuschung meinerseits.

Bücher 2021

Drei Bücher haben mich im letzten Jahr besonders beeindruckt:

Project Hail Mary

Optimistische, friedvolle (as in nicht militärisch), packende Science Fiction, wie schon Der Marsianer mit einem unverwüstlichen Space-McGyver in der Hauptrolle. Das ist wohl der eine Charakter, den Andy Weir schreiben kann oder mag. Außerdem hard SciFi im besten Sinne, also wissenschaftlich fundiert geschrieben, ohne Leser mit Techno-Babble zu überfordern.

Darkness at Noon

Der alternde Bolschevik Rubashov wird von der immer unmenschlicher werdenden Parteibürokratie zermalmt. Ein Meisterwerk, das auch seinen geistigen Zwilling 1984 in den Schatten stellt.

Piranesi

Von allen Geschichten aus dem weiten Genre der Fantastik, die ich in den vergangenen Jahren gelesen habe, wohl die seltsamste, schönste und berührendste.


Und hier die vollständige Liste meiner in 2021 gelesenen Bücher – nebst meiner neuen Sternchenbewertungen:

  1. Alastair Reynolds – Revelation Space – ★★☆☆☆
  2. Jesmyn Ward – The Fire This Time : A New Generation Speaks about Race -★★★★☆
  3. Jeff vanderMeer – Annihilation – ★★★★★
  4. Kathryn Schulz – The Best American Essays 2021 – ★★★★☆
  5. Tade Thompson – Far from the Light of Heaven – ★★★☆☆
  6. Joe Haldeman – The Forever War – ★★☆☆☆
  7. Alan Watts – Zen – ★★★★☆
  8. Marlen Haushofer – Die Mansarde – ★★★☆☆
  9. Werner Herzog – Vom Gehen im Eis – ★★★☆☆
  10. Max Frisch – Stiller – ★☆☆☆☆
  11. Marge Piercy – Woman on the Edge of Time – ★★☆☆☆
  12. Alastair Reynolds – House of Suns – ★★★☆☆
  13. Haruki Murakami – Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede – ★★★☆☆
  14. Christopher McDougall – Born to Run – ★★☆☆☆
  15. Wolfgang Welt – Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe – ★★★☆☆
  16. Andy Weir – Project Hail Mary – ★★★★★
  17. Tom Hillenbrand – Qube – ★★★☆☆
  18. Arthur Koestler – Darkness at Noon – ★★★★☆
  19. Michael Marrak – Das Haus Lazarus – ★★☆☆☆
  20. Richard Seymour – The Twittering Machine – ★★★☆☆
  21. Kevin Roose – Futurepeoof – ★★★☆☆
  22. Judith Shklar – Über Ungerechtigkeit – ★★★☆☆
  23. Kathrin Passig – Je Türenknall desto Wiederkomm – ★★★☆☆
  24. Giovanni Sartori – Demokratietheorie – ★★★★☆
  25. Iain M. Banks – The State Of The Art – ★★★☆☆
  26. Max Brooks – Devolution – ★★★☆☆
  27. Ben Smith – Doggerland – ★★☆☆☆
  28. Susanna Clarke – Piranesi – ★★★★☆
  29. Alexander Weinstein – Universal Love – ★★★☆☆
  30. Hugh Howey – Wool – ★★☆☆☆
  31. Niklas Luhmann – Die Wissenschaft der Gesellschaft – ★★★★☆
  32. Niklas Luhmann – Soziale Systeme – ★★★☆☆
  33. John Scalzi – The Ghost Brigades – ★★☆☆☆
  34. Stefan Zweig – Die Welt von gestern – ★★★★☆

2021 musikalisch

Gehe ich nach meinem last.fm-Profil, so war 2021 das musikärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen (2005). Aber ich habe das Schallplattehören wiederentdeckt, im Frühjahr einige aus dem elterlichen Keller geborgen und sogar ein paar gekauft.

Trotzdem habe ich 2021 wirklich wenig Musik gehört. Es gilt eben, was ich schon vergangenes Jahr geschrieben habe: Musik muss sich auch bei mir zunehmend gegen alle Medienalternativen durchsetzen.

Wenn es um musikalische Neuentdeckungen geht, bin ich inzwischen sehr genügsam. Eine Handvoll neue Bands (Weather Station, Sprints), ein exzellentes Album einer altbekannten Band (Notwist) und die eine oder andere Ambient-Veröffentlichung nebenbei und drumherum – das genügt mir vollauf. Hier sind meine diesjährigen Top 5 und ein Honorable Mention:

The Weather Station – Robber

2021 hat mich nach B. Eilish und Fiona Apple schon wieder eine Frauenstimme mehr begeistert als alle anderen. Tamara Lindemans Weather Station kamen für mich aus dem Nichts und überzeugten schon mit dem Perkussion-Intro zum Übersong Robber. Opulent und trocken produziert, mit Talk Talk-Anleihen, die sie nur noch edler klingen lassen.

Sprints – Drones

Dem Himmel sei gedankt für Sprints aus Irland, die Noisepunk machen als es sei es noch 2002 und ich ginge gleich ins Forum Bielefeld. Die erste Band seit Jahren, auf deren Deutschlandtour (wenn es wieder Touren und Konzerte gibt) ich mich über alle Maßen freue.

Eluvium – Hallucination I

Nicht das beste Ambient-Album, aber wohl der beste Track dieses Jahres stammt von Matthew Eluvium Cooper. Hallucination I (auf dem Album famose 14 Minuten kurz) wünsche ich mir für die nächste Denis Villeneuve-Verfilmung von irgendeinem Science Fiction-Stoff.

Gewalt – Es funktioniert

Nach Jahren fantastischer EPs machen Gewalt den ungewönlichen wie folgerichtigen Schritt und veröffentlichen ein Album. Das hat aus dem Presswerk bis zu mir etwas länger gebraucht und wird daher noch erkundet. Der Opener Es funktioniert reiht sich aber ein in zahllose Gewalt-Hits von Szenen einer Ehe bis So geht die Geschichte:

Perila – Fallin Into Space

Das beste Ambient-Album des Jahres stammt von Alexandra Zakharenko aka Perila. Es knarzt und brummt exakt so, wie es das soll. Und mehr gibt es dazu auch gar nicht zu sagen, wie es sich für gute Ambientmusik gehört.

Honorable Mention: Ike & Tina Turner – River Deep Mountain High

Nicht aus diesem Jahr – oder Jahrhundert -, aber die größte Entdeckung seit der letzten größten Entdeckung ist ausgerechnet Rockröhre Tina Turner mit diesem Übersong aus 1967. Christian Ihle schrieb dazu alles nötige

Jedenfalls, über „River Deep, Mountain High“ kann nicht geschrieben werden, ohne Tina Turners Stimme zu erwähnen: wie sie sich gegen Ende des Songs alleine gegen diesen mächtigen, mächtigen Wall Of Sound stemmt, zwischen 2.45 und 3.00¹ fast begraben wird, „Baby“, „Baby“ schreit, nur um in den folgenden, letzten dreißig Sekunden des Songs noch einmal den Refrain aufzunehmen und Spectors Produktion unter ihrer Stimme zu begraben – das gehört sicherlich zu den machtvollsten Vocals der Musikgeschichte.

1) da bezieht er sich wohl auf eine andere Version als die im obigen Video, das ist nämlich gar nicht so lang. Man hört aber trotzdem, was er meint.

Und nun – wie auch schon in den Jahren 2020, 2019, 2018, 2017, 2016, 2015, 2014, 2013, 2012, 2011, 2010 und 2009 – mit unumstößlicher Genauigkeit die Top50 der meistgehörten Bands und Künstler im Jahr 2021:

RangBand / KünstlerPlays
1Radiohead197
2The Weather Station165
3The Notwist159
436 & Zakè78
5Perila74
6International Music66
7Tortoise61
8Sun Ra58
9Sprints42
10Tirzah40
11Norah Lorway34
12Zinn33
13Aphex Twin29
14Lambchop28
15Sault28
16Night Sea27
17Fontaines D.C.26
18Gidge25
19Purl25
20phirnis24
21Eluvium23
22Mouse on Mars22
23My Bloody Valentine22
24Boards of Canada21
25Low21
26Madvillain21
27Die Heiterkeit20
28Gewalt18
29black midi17
30Godspeed You! Black Emperor17
31The 1978ers (yU & Slimkat)17
32Orchestral Manoeuvres in the Dark16
33Sleaford Mods16
34Damu The Fudgemunk, Archie Shepp & Raw Poetic15
35Marvin Gaye15
36R.E.M.15
37Ana Tijoux13
38Celeste13
39DVA13
40Simon Pyke13
41There is Still an Orchestra13
42Damu The Fudgemunk12
43Eliane Radigue12
44N Chambers12
45qualchan.12
46Sonic Youth12
47Wir12
48All diese Gewalt11
49Cocteau Twins11
50Fehler Kuti11

Alastair Reynolds – Revelation Space

Meinen letzten Reynolds (House of Suns) habe ich ja in einer Liste von SF-Büchern gefunden, die dezidiert nicht Bestandteil einer Serie sind. Hätte ich doch nur bei Revelation Space darauf geachtet, so wäre mir diese Lektüre vielleicht erspart geblieben, denn natürlich eröffnet der Band ein ganzes Universum aus Fortsetzungen und Kurzgeschichten.

Revelation Space ist vor allem unfassbar langweilig. Es hat keinerlei Figuren, für die man sich interessieren könnte, die Handlung schleppt sich mühsam von einem Infodump zum nächsten. Zum Ende hin wird ein milde interessantes SF-Konzept eingeführt, um das man sicher eine interessante Geschichte hätte schreiben können. Revelation Space ist das nicht.

Jesmyn Ward – The Fire This Time : A New Generation Speaks about Race

Eine der Autorinnen, auf die ich in den Essays 2021 aufmerksam geworden bin. Auch dies ist wieder eine Essaysammlung mit weiteren Autorinnen und Autoren, die es zu lesen lohnt. Der Titel spielt an auf The Fire Next Time von James Baldwin

The first essay, originally appearing in The Progressive magazine in 1962 and titled „My Dungeon Shook: Letter to My Nephew on the One Hundredth Anniversary of the Emancipation“, is a letter to Baldwin’s nephew in which he compares his nephew to the men in their family including Baldwin’s brother and father. He tells his nephew about America’s ability to destroy Black men and challenges his nephew to convert his anger due to mistreatment as a Black man into having a passionate and broad outlook on the African-American experience.

Wikipedia

Various Artists – Under Searing Skies

Ein Ambient-Sampler, dessen Erlöse zugunsten von Feuern zerstörter Landstriche in Griechenland und der Türkei gehen. Gefunden in der monatlichen Best Ambient-Rubrik von Arielle Gordon bei Bandcamp:

The third There is Still an Orchestra compilation from French experimental record label Spleencore includes contributions from ambient artists who each take a unique approach to the stillness of the genre.

Kathryn Schulz – The Best American Essays 2021

Essays sind auch ein wunderbares Genre, so wie Kurzgeschichten, Kurzfilme oder zwanzigminütige Ambient-Rauschepen.

Diese Sammlung bündelt zwanzig Texte aus dem Jahr 2020. Thematisch bilden die Pandemie und Black Lives Matter wohl einen Schwerpunkt, aber die Auswahl geht doch klar darüber hinaus.

So analysiert beispielsweise Fintan O’Toole lesenswert den Katholizismus von Joe Biden, Max Read nimmt The Twittering Machine zum Anlass, die den sozialen Medien innewohnende Todessehnsucht zu betrachten.

Den Abschluss bildet das atemberaubende Stück Witness and Respair von Jesmyn Ward – in der Tat über Covid und BLM -, das mich direkt veranlasste, eines ihrer Bücher zu kaufen.