Von Roam zu Obsidian: drei Bemerknisse

Die ewige Suche nach der richtigen Notizen-App: Was 2020 Roam war, könnte 2021 Obsidian sein – jedenfalls lässt die Zahl an Leuten in meiner Bubble, die den Wechsel vollzogen haben, darauf schließen.

Ich habe gestern ebenfalls erfolgreich mein Roam-Backup in Obsidian importiert und möchte drei für mich relevante Punkte ergänzen.

Export: Vorsicht vor Sonderzeichen

Ein lästiges Problem, was sich vermutlich auf Windows-Nutzer beschränkt: Das Markdown-Backup von Roam erzeugt für jede Notiz eine Datei, die dann den Namen der Notiz trägt.

Windows verkraftet aber nach wie vor keine Dateinamen die bestimmte Zeichen enthalten, darunter der in meinem Fall verbreitete Doppelpunkt. Ich habe daraufhin die entsprechenden Notizen vorab in Roam umbenannt. Dauerte eine lästige Viertelstunde, dann war das Problem erledigt.

Stapelverarbeitung

Obsidian handhabt Notizen als einfache Text-Dateien mit Markdown-Auszeichnung, was diverse Vorteile mit sich bringt.

So wurde bei meinem Import in Obsidian die Auszeichnung von Highlights (gelb hinterlegtem Text) nicht korrekt konvertiert – vermutlich ein Fehler meinerseits bei den Einstellungen. In Roam highlightet man mit ^^Carets^^, in Obsidian mit ==Gleichheitszeichen==.

Ein Problem, welches sich per Stapelverarbeitung und Suchen und Ersetzen über alle rund 700 Dateien hinweg lösen lassen sollte. Nun bin ich alles andere als ein Commandline-Wizard, aber die Lösung war sozusagen schon an, nämlich der kleine Texteditor Notepad++ : Nach 30 Sekunden hat das Tool in allen Notizen ^^ gegen == getauscht:

Mobile App

Ein weiterer Vorteil von Plaintext-Dateien: Ich lasse mein Obsidian Notizen in einem Ordner meiner Nextcloud abspeichern. Da müsste ich doch eigentlich auch auf dem Smartphone an die Notizen rankommen können?

Auch hier war die Lösung schon da, nämlich eine Nextcloud-App namens Notes. Sie kostet im Google Play Store eine Hand voll Euro und tut exakt was sie soll: in einem definierten Ordner der Nextcloud txt- oder md-Dateien einlesen, bearbeiten und speichern. Sicher gibt es auch andere Apps, die das hinbekommen, Notes war in meinem Fall einfach schon da und bestens geeignet.

In ähnlicher Weise, nämlich über das Frontend meiner Nextcloud-Installation, könnte ich Dateien auch im Browser bearbeiten, beispielsweise an Rechnern ohne installiertes Obsidian – aber in die Verlegenheit kam ich bislang nicht. Man ist ja immer zuhause.

Die Schrift

Ich habe vor zwanzig Jahren gerne rückwärts Echo eingespielt und ich werde niemals aufhören, gerne rückwärts Echo einzuspielen.

Das ist die Schrift.

Alexander Weinstein – Universal Love

Nach der Lektüre von Wool gelüstete mich nach Kurzgeschichten und prompt sprang mich in der Vorstellung der besten Science-Fiction-Bücher des Jahres bei Der Standard diese Sammlung von elf Geschichten an.

Als „das Beste, was man an SF-Kurzgeschichten bekommen kann, wenn nicht gerade mal wieder Ted Chiang etwas Neues veröffentlicht“ wurde der Band dort angepriesen und – sorry – aber das geht etwas zu weit. Stilistisch ist Weinstein in der Tat nah an Chiang und dessen oft distanziert berichtendem, fast journalistischem Stil. Aber dieser Stil ist ja nicht die eigentliche Stärke von Chiang, sondern wird durch bahnbrechend gute Ideen aufgewogen.

Weinstein interessiert sich für die Wechselwirkungen von Technologie und Beziehungen. Da werden aus den Social Media-Archiven von Verstorbenen Avatare errechnet, die diese überzeugend weiterleben lassen. Kinder entgleiten ihren Eltern, nachdem sie Implantate erhalten haben, mit denen sie online gehen. Gamer steuern in einer Ender’s Game meets Drohnenkrieg-Variation echte Kampfmaschinen.

Man merkt: Weinstein blickt skeptisch, warnend-konservativ auf Digitalisierung, Vernetzung und Social Media. Das finde ich inzwischen aber zu erwartbar und langweilig, weil es sich bezogen auf Gegenwart und nahe Zukunft mit meinen Einschätzungen und Erwartungen deckt, für die fernere Zukunft aber wiederum nicht meinen Erwartungen entspricht.

The Notwist – Vertigo Days

Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, habe ich mir 2002 Neon Golden via Filesharing beschafft, es mir keine zwei Male angehört und bin in den Bus gestiegen, um mir bei Ween in Bielefeld die Schallplatte zu kaufen. Wie ich gerade beim googlen feststelle, hat Ween für immer geschlossen. Hier ein Beitrag des Lokalfernsehens zu dem Laden:

Seitdem habe ich The Notwist komplett aus den Augen verloren. Neulich hörte ich von dem Neon Golden-Effekt, der beschreibt, wie ein Album international hervorragende Reviews, aber im Verhältnis wenige Abverkäufe erzielt. An mir lag’s nicht!

Das neue Notwist-Album jedenfalls, Vertigo Days, ist sehr sehr gut. So gut, dass ich erneut „zum Vinyl griff“, jedoch nicht in einem Laden (wie auch?), sondern als meine ersten physische Bestellung bei Bandcamp! Den digitalen Download gibt’s natürlich obendrein.

Hugh Howey – Wool

Ich muss mir einfach mal merken, dass es aller Wahrscheinlichkeit nach einen Grund gegeben hat, wenn ich eine Reihe nicht weiterlas.

Wool (oder Silo) begann mit einer hervorragenden Kurzgeschichte in einem mysteriösen postapokalyptischen Setting, das in den Fortsetzungen (wir befinden uns immer noch in dem Teil, der Wool heißt) dann ziemlich plattgewalzt wurde.

Die Fortsetzungen der Fortsetzung (namens Shift und Dust) werde ich mir daher erneut nicht geben. So immens kann der Payoff der schon weitgehend aufgeklärten Mystery gar nicht sein. Lieber lese ich wieder mehr Kurzgeschichten.

cityscapes

Manchmal greifen verschiedene Quellen durch Zufall thematisch schön ineinander: Heute passierte das mit futuristischen Städten, oder Städten der Zukunft, oder Städten in der Science Fiction. Seit jeher ein Lieblingsthema von mir.

Neuromancer und der Sprawl

Da ist zum einen der Podcast Sprawl Radio, in dem Alexander Schwiewager und Stephan Fasold Neuromancer von William Gibson lesen und dabei das Genre des Cyberpunk ausführlich besprechen, das maßgeblich von diesem Buch geprägt wurde.

In der zweiten Folge des Podcasts wurde die Idee des Sprawl bzw. der Boston-Atlanta Metropolitan Axis (BAMA) vorgestellt. Darin ist praktisch die gesamte Ostküste der USA zu einer einzigen Metropolregion zusammengewachsen, in der man dann auch beispielsweise von New York nach Baltimore mit der U-Bahn fahren kann. Die Stadt ist hier vor allem vertikal, in die Höhe gebaut, wie es schon Metropolis vor- und seitdem Blade Runner, Das Fünfte Element, Star Wars und zig anderen Filme nachmachten.

Hypercity und Superstudio

Und da ist zum anderen ein architektonisches Thema, das im heutigen Efeu des Perlentaucher verlinkt wurde:

die Idee einer „Hypercity“, einer Bandstadt entlang der Autobahn A24 zwischen Berlin und Hamburg …

.. wird im Interview der taz mit der Architektin Imke Woelk erläutert. Die Illustrationen und Mock-Ups der Ausstellung sehen absolut faszinierend aus. Unbedingt anschauen!

So eine Bandstadt, hundert Meilen lang und autofrei, wird zur Zeit auch in Saudiarabien geplant, wie das Efeu unter Verweis auf einen Guardian-Artikel von Oliver Wainwright feststellt. Darin geht es unter der fantastischen Überschrift A building as big as the world: the anarchist architects who foresaw endless expansion um das italienische Architekturkollektiv Superstudio:

In einer eindrucksvollen Serie von Collagen stellten die Designer die riesige blockartige Masse dar, die den Globus mit einem unaufhaltsamen Gürtel von Gebäuden umgibt, der die Felsen des Monument Valley in Utah in den Schatten stellt.

Zu Superstudio wiederum gibt es aktuell eine Ausstellung in Brüssel Auch hier: Unbedingt die Visualisierungen anschauen. Das wäre eine vollkommen andere Utopie der futuristischen Stadt: Nicht vertikal, in die Höhe strebend, sondern flach, verteilt, wie ein Netzwerk.

Niklas Luhmann – Soziale Systeme

Das hat mehrere Anläufe gebraucht und hat dank mindestens einer längeren Pause auch viel Zeit in Anspruch genommen. Letztlich war es eine Art Marathon und ich habe es entsprechend auch überwiegend mit dem sportlichem Ehrgeiz gelesen, es zu vollenden.

John Scalzi – The Ghost Brigades

Ghost Brigades.jpg

Die Fortsetzung von Old Man’s War und als solche wieder milde unterhaltsam. Gut: Weniger albern, andere Protagonisten, die Welt wird einen Spalt breit geöffnet und die Rolle der Menschheit hinterfragt.

Blöd: Schon wieder Bootcamp und militärische Ausbildung, nur diesmal noch härter, denn es geht um die überlegenen Special Forces (Augenroll-GIF). Außerdem wird die Idee, Persönlichkeiten von Mensch zu digitaler Storage zu Mensch übertragen zu können, arg übertrapaziert – und mündet in universe in Entscheidungen, die, wenn man drüber nachdenkt, als sehr riskant gelten müssten.

Aber ist ja auch egal, da ohnehin alles Quatsch: Unter’m Strich hat das Buch Spaß gemacht. Dass ich sofort die Fortsetzung lese, glaube ich aber nicht.