Jeff VanderMeer – Annihilation

Wie angekündigt habe ich Annihilation schon wieder gelesen (vermutlich zum vierten Mal, zuletzt erst im Dezember), Anlass ist die angekündigte Besprechung des Werks im empfehlenswerten Science Fiction-Podcast Sprawl Radio.

Was mir bei dieser Lektüre auffiel, war der Bezug zum exzessiven, sinnlosen Schreiben. Darauf kam ich, weil ich zur Zeit wieder in so ein Journaling/immer ein Notizbuch dabeihaben-Rabbithole gefallen bin. In Annihilation schreiben immer alle, der Crawler schreibt einen endlosen, alttestamentarischen Sermon auf die TunnelTurmwand, die Notizbücher der Expeditionen vergammeln in mannshohen Haufen, zugleich lesen wir den Report der Biologin. Das passt dann vielleicht auch irgendwie zu dem exzessiven Schreiben Richard Seymours in The Twittering Machine.

Daikan

Heute hatte der Youtube-Algorithmus einen lichten Moment. Nicht nur schickte er mir ein betörendes Standbild aus Schnee und Eis in die Timeline, hinter diesem verbarg sich überdies auch hervorragendes Ambient-Brummen von der Art, wie sie mir besonders gefällt. (bei Discogs für nur knapp unter 40 EUR zu haben. Auf CD. [schnaufend abwink])

Zu Daikan weiß die Wikipedia:

It contains one hour-long track recorded at the 2000 European Media Arts Festival in Osnabrück, Germany.

Daran überrascht vor allem, dass es in Osnabrück ein Festival gibt (gab?), und dann auch noch dieses.

Bei dem Standbild handelt es sich um die Fotografie von einer der Grönlandfahrten von Alfred Wegener.

Joseph Conrad – Heart of Darkness

Sagenhaft, wie gut der Film im Verhältnis zum Buch ist und wie gut das Buch eigentlich auch ist, aber wenn Kurtz als Schädel mit einem schwarzen Loch anstelle eines Gesichts auf der Leinwand erscheint, dann ist jegliche weitere Filmgeschichte vollkommen irrelevant. Morgen gucke ich „Heart of Darkness“, eine Dokumentation zu „Apocalypse Now“.

Und weil ich den Eindruck habe, dass Jeff vanderMeer’s „Annihilation“ vielleicht auch ein ideller Nachfolger von „Apocalypse of Darkness“ sein könnte, werde ich das auch wieder lesen. Habe ich beim ersten Mal ja auch binnen eines Tages geschafft.

Kim Stanley Robinson – The Ministry for the Future

Kim Stanley Robinson beschreibt in The Ministry for the Future, wie die Menschheit mit dem Klimawandel umgeht. Das Buch ist eine Art fiktionale Dokumentation, die zwischen den sporadischen romanhaften Erzählungen der beiden Protagonisten aus Sitzungsprotokollen, Augenzeugenberichten namensloser Ich-Erzähler und Infodumps zu ökonomischen Konzepten und Glaziologie besteht.

Ehe es besser wird, wird es schlimmer. Und besser nur, wenn dafür harte politische Entscheidungen auf globaler Ebene getroffen werden. Schilderungen, wie die zustande kommen, nehmen großen Raum in dem Buch ein. Das trägt zu seinem immensen Realismus bei, was mir gefallen hat.

Dann allerdings gab es einen wirklich großartigen Schlusspunkt in der Erzählung, bei dem ich überzeugt war, dass nach dem Umblättern ein langer Anhang oder ähnliches beginnen würde. Allerdings geht die Geschichte danach noch sehr sehr lange weiter und wurde eher ermüdend und zäh.

Friedhelm Schäffer, Oliver Nickel – Die Lebensgeschichte des Ferdinand Matuszek

Diese Art von Büchern, die Lebensgeschichten von Zwangsarbeitern wie Ferdinand Matuszek und anderen Opfern des Dritten Reichs festhalten, ist unendlich wichtig.

Matuszek wurde nach Ostwestfalen (wo ich aufwuchs) verbracht, so dass ich einige der Orte kenne; das war zugegebenermaßen auch der Grund für die Lektüre.

Das Buch ist aber auch ganz ohne „Lokalkolorit“ eine wichtige und gute Aufarbeitung der Zwangsarbeit in Deutschland, von der es auch in meinem familiären Umfeld oft hieß, sie hätten es ja gut gehabt.

Judith Hermann – Sommerhaus, später

Der Name Judith Hermanns fiel in den letzten Wochen aufgrund von Poetikvorlesungen, die sie in Frankfurt absolviert hat. Das nahm ich zum Anlass, um nach ein Vierteljahrhundert den Kurzgeschichtenband Sommerhaus, später wieder aus dem Regal zu ziehen.

Seltsamerweise konnte ich mich an einen Teil der Geschichten sehr gut, an die übrigen hingegen überhaupt nicht erinnern. Ebenfalls nicht mehr präsent war mir deren wirklich erstaunliche literarische Qualität, die wirkt ohne anstrengend zu sein.

Und die verstrichene Zeit seit Verfassen und Erscheinen – immerhin fünfundzwanzig Jahre? Vielleicht wären so offenkundig weiße thirtysomething Mittelstandsmenschen, die mal gar keinen und mal entspannten künstlerischen Berufen anstrengungslos nachgehen, so nicht mehr ohne Weiteres möglich. Berlin wäre wohl wesentlich präsenter (und nerviger) mit mehr Namen von Bezirken, Straßen und Lokalen, das ist hier zum Glück noch nicht so.

Eigentlich weiß ich aber verblüffend wenig darüber, was und wie moderne deutsche Literatur eigentlich so schreibt. Ein Umstand, den es zu ändern gilt, aber vorher lese ich noch mehr von Judith Hermann.

Alex Hochuli, George Hoare, Philip Cunliffe – The End of the End of History: Politics in the Twenty-First Century

So wohltuend ich Przeworskis Krisen der Demokratie fand, so einen eher schalen Nachgeschmack hinterlässt Das Ende des Endes der Geschichte dieser drei Autoren. Die Prämisse ist ja interessant: Das Ende der Geschichte, wie es von Francis Fukuyama 1989 postuliert wurde, bedeutete den Sieg der liberalen Demokratie nebst Kapitalismus als der letztgültigen Ordnungsform von Gesellschaft. Diese Phase sei mit dem Schicksalsjahr 2016 zu einem Ende gekommen.

Das heißt nun nicht so sehr, dass es nun wieder um etwas geht, denn so klar umreissen die Autoren den neuen Gegner der liberalen Demokratie nicht. Es handelt sich wohl um die wolkige Anti-Politik, die Ablehnung jeglicher Politik und ihre Verbrämung als elitärem, korruptem „Sumpf“.

Es ist genau diese Verunklarung von Begriffen, von Anti-Politik über die Post-Politik – angelehnt an Crouchs Non-Konzept Postdemokratie – gegenüber einer irgendwie gearteten wahren Politik (unter der die Autoren andeutungsweise Klassenkampf verstehen), die das Buch für mich eher unzugänglich macht. Das gipfelt im Schlusskapitel, in dem dargelegt wird was passieren wird; genau die Art von Prognostik, von der ich im gesellschaftlichen Bereich so gar nichts halte.

Immerhin machen die Autoren keinen Hehl daraus, wo sie stehen: Die Gelbwesten seien die plausiblere Massenbewegung als der Klimastreik, Antifaschismus sei heute im Wesentlichen eine Waffe gegen die Arbeiterklasse und Intersektionalismus sei politischer Narzissmus.

So kann man wenigstens festhalten, dass richtige Politikwissenschaftler wie Przeworski dann doch einen qualitativen Unterschied machen. Die lassen sich zu solchen erdrechselten Meinungsäußerungen nämlich gar nicht erst hinreißen.

Paul Cornell – Rosebud

Nun, das war seltsam. Aber immerhin kurz. Die digitale Crew eines milimetergroßen Raumschiffs stößt auf ein Big Dumb Object in Form einer schwarzen Kugel, das in durchaus interessanter Weise Zeit manipulieren kann. Konfus, aber auch unterhaltsam.