Accountverzicht

Vor vielen Jahren habe ich mit ebenso großer Begeisterung wie Sorglosigkeit jeden Webdienst, jedes Online-Tool, das mir unterkam, ausprobiert. Daran erinnern mich heute die immer regelmäßiger eintreffenden Hinweise auf „Sicherheitsvorfälle“, oft von Accounts, die ich längst vergessen habe.

Eine Konsequenz daraus ist meine immens gewachsene Zurückhaltung, wenn es darum geht, mich irgendwo neu anzumelden. Mein Vertrauen in die Sicherheit von Logindaten ist dahin. Verlage oder Shops, die Käufe nur mit Account zulassen, meide ich; auf Webdienste, die ich nicht sicher brauche, verzichte ich. Verlagsangebote wie das der FAZ, wo man ein E-Paper einfach nur mit E-Mail-Adresse erwerben kann, schätze ich hingegen.

Und klar: Wenn ich mich irgendwo neu anmelde, dann mit sicherem Passwort über einen Passwortmanager. Aber machen Sie das mal auf dem Smartphone. Das sind selbstgewählte Hürden, die auch abeschreckend wirken.

Thomas Mann – Tagebücher 1933-1934

Der Reiz von Thomas Manns Tagebüchern – oder Tagebüchern im allgemeinen – ist schwer zu beschreiben. Oft sind die Einträge monoton-meditativ, der Tagesablauf aus Arbeit, Briefen, Spaziergängen und Besuch, immer wieder scharfe Kommentierungen zur politischen Situation in Deutschland, das regelmäßige Hadern mit dem und Zweifeln am jeweils im Entstehen begriffenen Werk – hier vor allem die Joseph-Romane.

Der Band setzt im März 1933 ein, als Thomas und Katja Mann in der Schweiz sind. Sie sollten in diesen beiden wie in den Folgejahren deutschen Boden nicht betreten, sondern diverse Hotels und Domizile in der Schweiz bewohnen, unterbrochen von einer Reise in die USA.

Die Situation war nachvollziehbar belastend, auch wenn die Manns zu keinem Zeitpunkt in finanzielle Schwierigkeiten gerieten, im Gegenteil. Jedoch auffallend: Thomas und Katja Mann nehmen ständig Schlafmittel.

Amüsant: Wie es ihn fuchst, dass ihn auf der Schiffsreise nach Amerika kaum einer der anderen Passagiere kennt – und sie ihn und Katja sogar zu meiden scheinen:

Schuld an dem Unbehagen ist vor allem das besonders niedrige geistige Niveau unserer Tischgenossenschaft. Ich kann mich gewisser Empfindungen der Beschämung angesichts der herrschenden völligen Unbekanntschaft mit meiner Existenz nicht entschlagen. Es fehlt an jeder orientierten Aufmerksamkeit auch vonseiten des Kapitäns.

Eintrag vom 28. V. 34, Dampfer Volendam

Einer Amerikanerin muss er einige seiner Buchtitel in den Block diktieren, was er kaum erträgt.

Thomas Mann – Tagebücher 1918-1921

Dieser Artikel hat mich dazu veranlasst, mich für Thomas Manns Tagebücher zu interessieren und die bislang höchst verlässliche Bochumer Stadtbibliothek hat sie tatsächlich alle. In den Jahren 1918/19 interessiert vor allem der historische Hintergrund, den Mann kommentiert, konkret die Revolution und alles, was sie in Gang setzt. Er hat gerade erst die Betrachtungen eines Unpolitischen veröffentlicht und ist in dieser Phase noch unzweifelhaft erzkonservativ und deutschtümelnd.

Ebenfalls interessant sein Ringen mit dem Zauberberg, den er in dieser Zeit zu schreiben beginnt und sich zu Beginn (Kapitel I u. II) mit ihm schwertut. Die folgenden Kapitel werden nicht mehr so häufig erwähnt, schienen ihm also leichter zu fallen. 

Deutlich hervor tritt in diesen Tagebüchern die immense Bedeutung, die der Briefverkehr noch im beginnenden 20. Jahrhundert hatte – insbesondere für Kultur, Wissenschaft und Philosophie. Briefe zu verfassen bzw. zu beantworten war für Mann täglicher und allem Anschein nach aufwändiger Programmpunkt und wichtig für den Austausch von Neuigkeiten, Meinungen, Einschätzungen der eigenen und der Arbeit anderer.

Erheiternd ist Manns unverkennbare Eitelkeit, besonders wenn es um eine Büste geht, die er von sich anfertigen lässt. Nachdem er sie unter Beachtung bester Lichtbedingungen zuhause aufgestellt hat, lässt er im Tagebuch kein Lob der „frappierenden Ähnlichkeit“ unerwähnt.

Musik gekauft: The Caretaker – Everywhere at the end of time

Drauf gestoßen bin ich beim Freitag:

Everywhere At The End of Time beschreibt über sechs Alben, veröffentlicht zwischen 2016 und 2019 im Abstand von je exakt sechs Monaten, die fortschreitenden Stadien von Alzheimer und Demenz.

Sehr elegisch auch die Kommentare bei Bandcamp:

There has never before been a comparable work that is so uniquely human in its message of nostalgia, fear, death, confusion, and loss.

Ebenda auch ein spannendes Interview mit dem Caretaker höchstselbst, Leyland Kirby – hier über Ballroom-Musik, die er bevorzugt versamplet:

The ballroom scene in The Shining is amazing as well, where this music appears from nowhere. Many, many years ago, in the late ’90s, it was impossible to find out what Kubrick used. He bought the rights to it, and it wasn’t available on any compilations.

Iain M. Banks – The Player of Games

Dieses Buch habe ich vor wenigen Jahren bereits gelesen, kann mich aber kaum daran erinnern. Das ist verblüffend, denn der zweite Band des Kultur-Zyklus von Iain M. Banks (das M. verwendete er wohl nur, wenn er Science Fiction schrieb) ist sehr sehr gut.

Überhaupt ist die anarchische, flamboyante Kultur wohl das beste Space Opera-Setting, das ich kenne. So müsste die Star Trek-Föderation aussehen, würde sie heute erfunden (der erste Kultur-Roman erschein allerdings auch schon 1987).

Heimlicher Protagonist von Player of Games ist Azad, ein fiktives Brettspiel epischen Ausmaßes, dessen Ausgang stets über die Besetzung von Spitzenämtern eines Imperiums entscheidet, mit welchem die Kultur vor einigen Jahrzehnten diplomatische Beziehungen aufgenommen hat.

Gurgeh, der Player of Games höchstselbst, entscheidet sich aus Langeweile – und um einem drohenden Skandal zu entfliehen – für die mehrjährige Reise in eben dieses Imperium, um am nächsten Azad-Turnier teilzunehmen. Denn er ist professioneller und außerordentlich guter Spieler – nicht von irgendwelchen Casino-Glücksspielen wohlbemerkt, in der Kultur wettet man ohnehin nicht mehr.

Bemerkenswert ist, wie über weite Strecken des Buches Spiele gespielt werden (allen voran eben Azad), ohne dass Banks seinen Leser.innen umfangreiche Infodumps aus Regelwerken zumutet – und es dennoch immer spannend bleibt. Zugleich ist Azad Spielfeld und Metapher der politischer Ideologien von Imperium und Kultur.

Detjen/Steinbeis: Die Zauberlehrlinge

Nach kaum 24 Stunden schon wieder ein Buch gelesen:

Endlich Licht ins Dunkel um den so genannten Rechtsbruch zu bringen versprach ich mir von diesem Buch von Stephan Detjen (Deutschlandfunk) und Maximilian Steinbeis (Verfassungsblog) und ich wurde nicht enttäuscht.

Die Autoren zeigen auf, wie dominant der Mythos vom Rechtsbruch seit 2015 in Deutschland ist. Zugleich führen sie durch die komplexen Rechtsstrukturen der Flüchtlingspolitik, die das Grundgesetz, Schengen, Dublin (I bis III), europäische Rechtssprechung und sicher noch andere Facetten umfassen, die ich vergessen habe.

Vor allem liefert das Buch Einblicke in die Funktionsweise des Rechts: „Recht ist keine Mathematik“, leiten Detjen und Steinbeis ihr neuntes Kapitel ein. Es lässt sich nicht ausrechnen, durchdeklinieren, oder in Form einer logisch-eleganten Beweisführung zum letzt- und allgemeingültigen Ergebnis führen.

Auch die Rechtsbruch-These habe sich „im Streit zu bewähren„. Zu diesem Streit leisten Detjen und Steinbeis einen wertvollen Beitrag, auch und gerade für Nichtjuristen wie mich.

Linda Nagata – The Bohr Maker

Gekauft und gerne gelesen wegen dieser Passage der jüngsten Science Fiction und Fantasy-Rundschau des Standard:

Hier kommt das richtige Buch für alle, die Space Operas im Stil von James Corey, Vernor Vinge oder Alastair Reynolds als das Nonplusultra der Science Fiction ansehen. Ganz besonders sogar Alastair Reynolds, denn dessen erfolgreicher „Revelation Space“-Zyklus wurde maßgeblich von Linda Nagatas „Nanotech Succession“-Reihe beeinflusst. Diese ist in vier Bänden in den Jahren 1995 bis 1998 erschienen und bildet in ihrer Gesamtheit eine waschechte Future History, die von quasi morgen bis in eine ferne transhumane Ära reicht.

Gewandert: Essen-Holthausen, Baldeneysee, Kruppwald, Essen-Werden

Rund 16km überwiegend durch Wald und an Wasser, recht große Höhenunterschiede (wenn man brandenburgische Verhältnisse gewohnt ist), erstaunlich viel Natur.

Eine Route des Hikeline-Wanderführers Ruhrgebiet. Die schönsten Wanderungen im Ruhrgebiet. Verlag Esterbauer 2018.

Peter Watts – Echopraxia

Die Forsetzung von Blindsight, erneut benannt nach einer merkwürdigen neurologischen Störung – und ein noch unzugänglicherer ‚Hard SciFi‘-Schinken.

Eindrucksvoll ist, wie ein Buch einen hineinzieht, obwohl man (also: ich) über weite Teile überhaupt nicht versteht, warum die Leute gerade tun was sie tun. War das gerade die Apokalypse? Warum fliegen die da hin und dann wieder zurück? Was genau macht der Mensch da in der Wüste?

Watts jongliert erneut waghalsige Ideen über Posthumanismus und absolut fremdartige Aliens und schließt mit einem umfangreichen Anhang, in dem er diese Ideen wissenschaftlich (mit fast 150 Fußnoten!) herleitet. Wirklich eindrucksvoll. Und ich hoffe sehr, dass er diese Reihe fortsetzt.