Massimo Pigliucci – Die Weisheit der Stoiker

Schon wieder ein Buch durch, ich hab halt Urlaub.

Massimo Pigliucci ist mir in den vergangenen Jahren schon des öfteren als ein moderner Protagonist des Stoizismus untergekommen, völlig zufällig stieß ich auf sein Buch in der Bochumer Stadtbücherei – und bin sehr angetan.

Nicht nur, weil Pigliucci den antiken Vordenkern – allen voran Epiktet – gerne auch mal widerspricht, wenn es darum geht, ihre Philosophie zu modernisieren. Auch kontrastiert er verschiedene Gedanken mit moderneren Denker*innen, beispielsweise Hannah Arendt.

Der wohl wichtigste Beitrag dieses Bandes besteht aber darin, den oft unterschätzten oder unterschlagenen sozialen Charakter des Stoizismus hervorzuheben. Wer Stoizismus wahrhaftig praktizieren will, ist kein abgeschiedener Eigenbrödler, sondern stellt sich in den Dienst der Allgemeinheit und seiner Mitmenschen.

Georg Büchner – Dantons Tod

Ein Drama in vier Akten, welches zudem umfangreiches Vorwissen der französischen Revolution erfordert? Keine leichte Kost, an der ich mich allein wegen dieser Intervention von Richard Herzinger beim Perlentaucher versuchte.

Ohne Kenntnis der Personen und der Hintergründe macht das wirklich nich viel Sinn. Aber Büchner malt die Grausamkeit der Zeit und ihrer Protagonisten schon mit sehr breitem Pinselstrich, etwa das Plädoyer des St. Just für einen blutigen Fortgang der Revolution:

„Soll überhaupt ein Ereignis, was die ganze Gestaltung der moralischen Natur, das heißt der Menschheit, umändert, nicht durch Blut gehen dürfen?“

Natürlich nicht, möchte man entgegnen. Das ist schließlich der Zweck von Kultur und Zivilisation. Aber das dürften auch heute noch einige deutlich anders sehen.

Stefan Zweig – Joseph Fouché

Nach Magellan und Montaigne schon der dritte von Zweigs biographischen Romanen, dieser mit dem Untertitel Bildnis eines politischen Menschen und derjenige, der mir mit großem Abstand am besten gefallen hat.

Vielleicht, weil es Zweig so vortrefflich gelingt, Fouché als Antihelden, als „vollkommensten Macchiavellisten“ und beispiellosen politischen Wendehals zu skizzieren, der in den Wirren der Französischen Revolution und der folgenden napoleonischen Zeit für jede relevante Fraktion als Strippenzieher und Manipulator tätig war.

Das ist in einem Maße spannend, dass ich mir mitunter wünschte, Serienautoren oder die Star Wars/Marvel-Leute würden sich diesen Stoff mal zur Gemüte führen – sei es zur Adaption, oder einfach als Vorbild. Gut geschriebene Villains sind halt einfach am unterhaltsamsten.

Anlass für diese Lektüre war ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung, der Fouché als historisches Vorbild für den Brexit-Mastermind und Johnson-Berater Dominic Cummings anführte. Das kommt mir nur bedingt plausibel vor, macht aber nichts.

Angekommen #Spiegelau20

Im Januar 2018 haben wir einen skiurlaub im bayerischen Wald, im schönen Städtchen Spiegelau gemacht. Damals stand ich zum ersten Mal auf Ski, überhaupt war das mein erster Winterurlaub. Wir fanden es so schön, dass wir uns vornahmen, hier jedes Jahr herzufahren.

Das hat nun leider im Folgejahr schon nicht geklappt, denn da hielt uns der Umzug von Berlin nach Bochum in Beschlag.

Jetzt sind wir aber endlich wieder in Spiegelau, erneut fast problemlos mit dem Zug angereist, im Februar/März anstatt Januar, entsprechend taut die Schneedecke gerade. Aber auf der benachbarten Loipe waren Fahrer zu sehen und sofort hätte ich mich am liebsten dazugesellt.

Iain Banks – Use of Weapons

Use of Weapons ist wohl das anspruchsvollste Culture-Buch. Man muss nicht lange googlen, bis man auf den erzählerischen Trick stößt und ich gestehe: ich habs beim Lesen nicht so richtig kapiert.

Inhaltlich habe ich das Buch schon verstanden, aber sehr wahrscheinlich wäre der emotionale impact der Geschichte deutlich wichtiger, wüsste man, was Banks da versucht.

Spaß macht Use of Weapons trotzdem. So wie jeder Eintrag in die Culture, Banks‘ post-scarcity space opera mit den unterhaltsamsten KIs der science fiction.

Christian Baron – ein Mann seiner Klasse

Eine eindrucksvolle autobiografische Erzählung von der Kindheit und Jugend des Autors in bitterer Armut und von seinem trinkenden und prügelnden Vater, dem titelgebenden Mann seiner Klasse.

Das Buch wurde vielfach wohwollend rezipiert, weil es eine Lebensrealität darstellt, die in der Politik, in den Medien und in der Literatur kaum Gehör finde. Das trifft mit aller Wucht zu und ist alles andere als banal.

Zwei Dinge haben mich betroffen gemacht: Das Buch spielt nicht in den sechziger oder vielleicht siebziger Jahren, auch wenn die Schilderungen auf mich mitunter den Eindruck erweckten. Vielmehr ist der Autor wenige Jahre jünger als ich, verbringt seine Kindheit also nur leicht versetzt zu mir in den späten Achtziger, frühen Neunziger Jahren, nur eben unter völlig anderen Bedingungen.

Zweitens: Das Buch spielt in Kaiserslautern und schildert diese Stadt, zumindest einzelne Straßen und Viertel völlig anders als in meinem naiven Bild vom wohlhabenden Südwesten der Republik,

Matthew De Abaitua – The Destructives

Ein Buch, welches ich als sehr überragend in Erinnerung habe, das mich jetzt beim erneuten Lesen aber wenig begeistert hat.

Science Fiction, die künstliche Intelligenz thematisiert, mag ich ja sehr und Abaitua entwickelt einige faszinierende Ideen. Vielleicht liegt es daran, dass mir der Neuigkeitswert fehlt. Denn die Story als solche, die ist schon sehr seltsam aufgebaut mit einem Perspektivwechsel im letzten Drittel.

Ursula K. Le Guin – The Left Hand of Darkness

Zum Jahresauftakt einfach mal wieder Le Guin lesen: Unbezahlbar. Anlass war dieser Artikel über den Hainish-Cycle, zu dem Left Hand wie auch The Dispossessed und auch The Telling zählen:

Ursula K. Le Guin left us with a wealth of stories and universes, but my favorite might be her Hainish cycle. I recently read, or re-read, every single novel and short story in the Hainish universe from beginning to end, and the whole of this story-cycle turned out to be much more meaningful than its separate parts.

last.fm 2019

Wie an jedem letzten Tag des Jahres lasse ich auch heute das vergangene Musikjahr Revue passieren und nutze dafür mein Profil bei last.fm. Zu den älteren musikalischen Jahresabschlüssen geht es hier.

In diesem Jahr habe ich sehr unerwartet (den Anlass erinnere ich tatsächlich nicht mehr) nach vielen Jahren Guided by Voices wiederentdeckt. Und wenn man erst mal anfängt, die unzähligen Alben voll mit sehr vielen Songs, Songskizzen und Songfragmenten zu hören, dann kommt auch schnell eine stattliche Zahl zustande.

Früher hörte ich bevorzugt die etwas geschliffeneren GbV mit Songs wie The Best of Jill Hives oder Useless Inventions. In diesem Jahr lernte ich die Beatles des LoFi erst richtig kennen und schätzen und hörte die Alben Bee Thousand und Alien Lanes exzessiv.

Ebenfalls eine Wiederentdeckung nach langer Zeit: DJ Shadow. Der veröffentlichte dieses Jahr etwas neues, was mir zwar nicht gefiel, aber Anlass gab, die Endtroducing und vor allem die noch etwas ältere Kollektion früher Singles Preemptive Strike viel zu hören. Wahre Sampling-Meisterschaft.

Und die dritten im Bunde, was die Rückbesinnung auf Vergangenes betrifft, sind die Talking Heads. Für die gilt zwar nicht, dass ich sie lange nicht gehört hätte, aber zumindest habe ich mich 2019 besonders auf die drei Alben More Songs about Buildings and Food, Fear of Music und Remain in Light konzentriert- vor allem das wirklich herausragend gute letztgenannte.

Aus dem vielen Ambient, den ich in diesem Jahr gehört habe, sei ganz besonders die Kollektion Kankyō Ongaku: Japanese Ambient, Environmental & New Age Music 1980​-​1990 hervorgehoben und von ihr der klösterliche Zen-Track Ishiura; nicht umsonst mein meistgehörter Titel 2019:

Aus der Abteilung indierock geht die Krone an Fontaines D.C. aus Irland. Die hinterließen zwar keinen so bleibenden Eindruck wie Shame im vergangenen Jahr, sehen aber immerhin so aus wie Oasis Mitte der Neunziger:

Groß war die Freude in Kreisen, die sich noch für Noise Rock interessieren, über Black Midi: Kaum adoleszente Herren, die scheinbar mühelos an die alten Albini-Bands anknüpfen. Mich haute es nicht so wahnsinnig um, aber BMBMBM ist schon ein verteufelt guter Track:

Und hier nun also mit unumstößlicher Genauigkeit die Top50 der meistgehörten Bands und Künstler im Jahr 2018:

1 Guided by Voices 464
2 Talking Heads 219
3 Tortoise 183
4 DJ Shadow 164
5 The Caretaker 140
6 Billie Eilish 100
7 Beak> 94
8 Autechre 89
9 Broadcast 63
10 Cocteau Twins 63
11 Lower Dens 63
12 Talk Talk 62
13 Radiohead 60
14 Fontaines D.C. 57
15 Ben Rath 49
16 Lali Puna 48
17 Matthijs Kouw 45
18 Monolyth & Cobalt 45
19 Run the Jewels 45
20 Stereolab 44
21 Øjerum 43
22 Simon Pyke 43
23 Daniel K. Böhm 42
24 OG Keemo 39
25 Richard Ginns 39
26 Sun Ra 38
27 Clinic 37
28 black midi 36
29 Blur 34
30 Die Heiterkeit 34
31 Georgia Anne Muldrow 34
32 Kim Gordon 34
33 Moss Covered Technology 34
34 Autistici & Justin Varis 32
35 Kendrick Lamar 32
36 The Notorious B.I.G. 32
37 The Volume Settings Folder 32
38 Aphex Twin 31
39 Ian Nyquist 31
40 Ms. Lauryn Hill 31
41 Cicely Irvine 30
42 Mantle 30
43 OFFTHESKY 30
44 Joy Division 29
45 Bill Seaman 28
46 Die Nerven 28
47 Kummer 26
48 Daniel W J Mackenzie 25
49 Grimes 25
50 Lake Mary 25

Es folgen die Top20 der meistgehörten Songs und Titel:

1 Ishiura (abridged) Toshi Tsuchitori 16
2 Born Under Punches (The Heat Goes On) – 2005 Remaster Talking Heads 15
3 The Great Curve – 2005 Remaster Talking Heads 14
4 Boys in the Better Land Fontaines D.C. 13
5 Crosseyed and Painless – 2005 Remaster Talking Heads 13
6 Allé Sauvage Beak> 12
7 bmbmbm black midi 12
8 The Dao Is Achieved Through Discipline Matthijs Kouw 12
9 The Goldheart Mountaintop Queen Directory Guided by Voices 11
10 Teisco Beak> 10
11 Too Real Fontaines D.C. 10
12 Buzzards and Dreadful Crows Guided by Voices 10
13 Hot Freaks Guided by Voices 10
14 Tractor Rape Chain Guided by Voices 10
15 The Being-within-form Is The Mother Of The Myriad Things Matthijs Kouw 10
16 Houses in Motion – 2005 Remaster Talking Heads 10
17 Once in a Lifetime – 2005 Remaster Talking Heads 10
18 all the good girls go to hell Billie Eilish 9
19 when the party’s over Billie Eilish 9
20 wish you were gay Billie Eilish 9