7.4.19: Zeche Hannover und Zettelkasten

Diese Fotos sind von der Zeche Hannover bzw. vom LWL Industriemuseum, welches sich dort befindet. Erneut dieses Ruhrpott-typische Nebeneinander von Industrie, Natur, Kulturlandschaft und Ortschaften. Schön.


Bei Heise unternehmen sie „erste Exkursionen“ in Luhmanns digitalisierten Zettelkasten – also den Teil, der bereits digitalisiert ist:

„Zwar ist erst ein Bruchteil der Zettel vollständig in das Portal eingepflegt, die Verfolgung der so entscheidenden Zettelverweise führt sehr bald in noch unerschlossenes Gebiet.“

Und wenn man da so einen digitalisierten Zettel zwischen all den Metadaten und Verweisangeboten sieht – das ist ganz ganz groß. Ein wunderbares Digitalisierungs-Projekt und ein Lichtblick neben all der ernüchternden Netzpolitik.

Christian Fuchs, Paul Middelhoff – Das Netzwerk der Neuen Rechten

Als E-Book gelesen (erstmals seit längerem mal wieder) und daher kein Titelfoto. Fuchs und Middelhoff fügen viele Bausteine, von denen man in den vergangenen Jahren schon mal gehört hat, und einige mehr zu einem Gesamtbild zusammen – ähnlich der von der Neuen Rechten verfolgten „Mosaikstrategie“.

Es scheint in diesen Kreisen zum guten Ton zu gehören, erstmal ein Heftchen zu verlegen, wenn man etwas werden will. Die Zahl der genannten Titel und Verlage mutete mir jedenfalls beinahe absurd an. Generell entsteht das Bild eines relativ kleinen Kreises von Aktivisten, die aber unheimlich viel produzieren, was die Bewegung eher einem Scheinriesen gleichen lässt.

Wer sie lenkt, wer sie finanziert und wie sie die Gesellschaft verändern lautet der Untertitel des Bandes. Der Anspruch wird in jeder Hinsicht erfüllt, Leser.innen erhalten einen hervorragenden und kompakten Einblick in das titelgebende Netzwerk.

Die Frage der Finanziers der Neuen Rechten ist ja momentan sehr aktuell; Fuchs und Middelhoff stoßen bei ihren Recherchen auf einen schwerreichen Hamburger Reeder. Aktuell soll zudem ein Duisburger Milliardär verdeckte Geldflüsse veranlasst haben. Wer angesichts dessen noch Hoffnungen hegt, die AfD würde einen wie auch immer gearteten „Volkswillen“ vertreten, dem ist nun wirklich nicht mehr zu helfen.

29.3.19: Dinge getan

Der Höllenstern, er brennt wieder.

Seit einer Woche sind wir nun schon so richtig in Bochum und haben das Undenkbare geschafft, nämlich diese deutlich kleinere Wohnung in kurzer Zeit wohnlich einzurichten.

Heute habe ich ein Fahrrad nach Bielefeld gebracht, einen Lyrikband aus der Stadtbücherei ausgeliehen und zum ersten Mal in diesem Jahr und überhaupt zum ersten Mal auf dem neuen Bochumer Balkon gesessen (Ausblick siehe oben).

Selten lese ich Rezensionen einer Inszenierung, die mir Lust auf das jeweilige Stück machen. Heute schon:

Andrea Breth verlässt das Burgtheater in Wien mit einer Inszenierung von Hauptmanns „Ratten“, die den Rezensenten den Angstschweiß auf die Stirn treibt.

Nachtkritikerin Gabi Hift kommt völlig zerschlagen aus der Vorstellung. Aber gesehen hat sie „einzigartige, nie dagewesene Kreaturen. Kein Klischee, nirgends. Auch keine Nachahmung echter Menschen. Was bei Andrea Breth passiert – und sie dürfte die Einzige sein, die diesen Prozess noch katalysieren kann – ist die Erschaffung von künstlichen Kreaturen aus Text und Geist und der Lebenssubstanz von Regisseurin und Schauspieler*innen.

Das Stück, Die Ratten, habe ich in der Stadtbücherei leider nicht gefunden.


Ich lese auch vom Programmprozess der Grünen und von der Losung Bündnispartei und mir fällt auf: Die einzigen Parteien, denen derzeit ein Wille zur Regierung unterstellt werden kann, sind die Union und die Grünen. Die FDP will nicht regieren, die SPD will nicht regieren, tut es aber trotzdem, bei der Linken wissen wir nicht, ob sie wollte wenn sie könnte, sie kann aber schon seit vielen Jahren nicht und die AfD würde sicher wollen, sie kann, darf und wird aber nicht.


Diese Love, Death + Robots-Sache bei Netflix ist sehr sehr gut. Wired dazu hier.

Herfried Münkler – Macchiavelli

Lesenswert vor allem für die umfangreiche historische und philosophische Einbettung. Wie dachten die Menschen in der Renaissance von der Zukunft? Hingen sie dem zyklischen Denken der Antike an, oder der mittelalterlichen Vorstellung vom Niedergang hin zum jüngsten Gericht? Wie und warum setzte langsam aber sicher ein Fortschrittsdenken ein? Welche Bedingungen ermöglichten das Denken von Politik und Staat außerhalb von Ethik und Religion wie Macchiavelli es praktizierte? Und was war da eigentlich los in Italien? Spannende Fragen, die Münkler mit diesem bereits 1982 erschienenen Band umfassend zu klären versucht.

Peter Watts – Blindsight

Wenn ein Science Fiction-Roman einen Anhang samt Fußnoten hat, wo die Konzepte und Ideen wissenschaftlich erklärt werden, dann befindet man sich im allzu oft freudlosen Subgenre der Hard Science Fiction, in dem der Science-Anteil besonders groß und ausgetüftelt ist und die Fiction sich ihm unterzuordnen hat.

Peter Watts gelingt mit Blindsight ein immens spannender Beitrag zu diesem Genre. Eine First Contact-Variation, in welcher das Alien nicht nur fremdartig aussieht, sondern sich auch so verhält. Während zum Beispiel das titelgebende Film-Alien unzweifelhaft feindselig ist, ist das in Blindsight lange Zeit überhaupt nicht klar. Garniert wird die Geschichte mit einer gehörigen Portion Transhumanismus und Meditationen über Bewusstsein, Intelligenz und Evolution. High Concept, nicht leicht zu lesen, aber sehr gut.

Leitbild Mobilität der Stadt Bochum

Interessant, auch weil ich heute erstmals mit dem Fahrrad in Bochum gefahren bin (eigentlich ganz ok, zumindest für die paar Meter): Es gibt ein Leitbild Mobilität der Stadt Bochum (PDF). Darin heißt es:

Zurzeit liegt der Anteil des motorisierten Individualverkehrs (MIV) in Bochum bei 56%. [..] Bis 2030 könnte der Anteil des MIV auf 40 bis 45 % sinken. [..] Ein Anteil von 40 bis 45% des MIV an allen Wegen ist zwar höher als der Modal Split, den andere deutsche Großstädte bereits heute haben. Er ist allerdings an dem höheren Ausgangsniveau in Bochum zu messen.

56 Prozent motorisierter Individualverkehr erschien mir absurd wenig, ist gemäß des letzten zitierten Satzes aber wohl viel. Eine Reduktion auf 40 bis 45 Prozent erscheint mir wiederum etwas unambitioniert, aber wahrscheinlich realistisch.

Die Bochumer Grünen kündigen ihre Zustimmung an: „Das Leitbild Mobilität geht klar in die richtige Richtung. Es zielt auf die Stärkung von ÖPNV, Rad- und Fußverkehr ab. Von uns aus steht einem positiven Votum in den Ausschüssen und im Rat nichts mehr im Weg“, erklärt Sebastian Pewny, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen Ratsfraktion.

Bemerkenswert auch: „Die Stadt Bochum ist seit 2016 Mitglied der AGFS (Arbeitsgemeinschaft fußgänger- und fahrradfreundlicher Städte).

Eine öffentlich-rechtliche soziale Plattform?

Wie aber müsste eine soziale Plattform beschaffen sein, auf der man sich gerne aktiv mit Fremden austauscht? Sie müsste erstens öffentlich-rechtlich sein; und zweitens trotzdem Spaß machen.

Philipp Bovermann spricht sich in der Süddeutschen für eine öffentlich-rechtliche soziale Plattform als Gegenmodell zu Facebook, Twitter und Co. aus. Denn Facebook hätte längst das Interesse an einer digitalen Öffentlichkeit verloren und dirigiere seine Nutzer „hinter unsichtbare Mauern, um sie vor einer möglichen Stressquelle abzuschotten: Menschen mit anderen Meinungen“.

Vorweg: Ich fände es gut, würde die öffentliche Hand es als ihre Aufgabe betrachten, digitale Öffentlichkeit(en) im Rahmen der Grundversorgung zu fördern. Das könnte sie zum Beispiel tun, indem sie die Weiterentwicklung von Protokollen wie beispielsweise ActivityPub fördert.

Aber gibt es konkreten Bedarf an einer öffentlich-rechtlichen sozialen Plattform? Der ÖR-Rundfunk – als offenkundiges Beispiel – hat den Auftrag, „im Interesse von Informationsfreiheit und Demokratie, ein vielfältiges, umfassendes und ausgewogenes mediales Angebot zu sichern“.

Die Gefahren bestehender Netzwerke für Informationsfreiheit und Demokratie sind derzeit evident und werden in vielfältiger Weise diskutiert – Netzwerke wie Facebook versuchen bereits zu reagieren. Zugleich sind die in Rede stehenden Unternehmen und Technologien durchweg sehr jung und wir wissen derzeit nicht, ob diese Gefahren Bestand haben werden, ob die technischen und designbezogenen Maßnahmen greifen werden, oder ob sich sogar die sozialen Praktiken von NutzerInnen im Umgang mit ihnen einfach ändern.

Zugleich ist der Auftrag des Rundfunks, Vielfalt und Ausgewogenheit zu zu fördern, für diesen praktisch erfüllbar (um die Frage, ob er erfüllt wird, geht es hier nicht – ich meine ja). Soziale Netzwerke, die solche oder vergleichbare Zwecke verfolgen sollten, müssten diese aber auf der Ebene des Designs, der Technologie, der Algorithmen umsetzen. Dieses Problem halte ich für ungelöst. Bovermann hält es für möglich:

Es könnte tatsächlich sein, dass der implizit in sie hineinprogrammierte Gesellschaftsentwurf einer öffentlich-rechtlichen Plattform dazu führt, dass es dort angenehmer ist, mit fremden Menschen in Kontakt zu treten.

Bei dieser Idee eines „hineinprogrammierten Gesellschaftsentwurfs“ werde ich allerdings unruhig. Wie anspruchsvoll und fehlerbehaftet Versuche sind, Gesellschaft in Code abzubilden, zeigen zahllose Beispiele, von sozialen Medien selbst, über Blockchain bis hin zu dem, was derzeit als künstliche Intelligenz vermarktet wird.

Aus meiner Sicht müsste die Diskussion genau da ansetzen: Netzwerkdesigns, die Filterblasen überwinden wo sie stören, vielleicht aber auch fördern wo sie sinnvoll sind – etwa wenn sich Gleichgesinnte einfach erstmal finden müssen, gewissermaßen das digitale Äquivalent zu Parteien.

Zu bedenken ist: Überall dort, wo sich analog „Marktplätze politischer Ideen“ formierten, die Bovermann digital nachbilden möchte, hatten diese nur Bestand, wenn sie hochgradig reglementiert und (so meine Wertung) zivilisiert wurden, seien es Parlamente oder Parteien durch Moderation, Geschäftsordnungen, Satzungen, Rednerlisten, Redezeitbegrenzung etc. Das genaue Gegenteil also davon, dass einfach alle miteinander reden. Ob und wie solche Strukturen digital abbildbar sind, halte ich für offen.

11.3.19: Zugfahrt-GAU und Ambient

Nach gut einem halben Jahr des Pendelns ist mir heute (eigentlich Samstag bei der Buchung) der denkbar blödeste GAU unterlaufen: Versehentlich hatte ich eine Fahrt in die falsche Richtung erworben, also von Berlin nach Bochum und nicht umgekehrt. Stornieren ließ sich kurzfristig in der DB-App nichts mehr, also kaufte ich die richtige Verbindung, die aber erst zwei Stunden später eine Reservierung zuließ.

Dann in einem knallvollen Zug (es gab wegen des Sturms wohl noch zahlreiche Ausfälle auf anderen Verbindungen) gesessen, der auch noch dem Nadelöhr Hamm zum Opfer fiel, wo rund 45 Minuten auf den zweiten Zugteil gewartet werden musste. Zuhause blieb dann nur Zeit für Einkaufen, Hausarbeit und wenige Umzugsvorbereitungen.


Monat für Monat kuratiert Ari Delaney die besten Ambientalben, die bei Bandcamp erschienen sind – und zwar so, dass fast immer was dabei ist. Hier der Roundup für Februar. Wie er dabei eine der für meine Begriffe unzugänglichsten Musikformen in Worte kleidet, verdient höchste Anerkennung. Aus dem schon hohen Output des Bandcamp Daily-Magazins (so nenne ich es jetzt einfach mal) die stets lesens- und hörenswerteste Rubrik.


Zuckerberg’s essay is a power grab disguised as an act of contrition. Read it carefully, and it’s impossible to escape the conclusion that if privacy is to be protected in any meaningful way, Facebook must be broken up.

Die MIT Technology Review über Zuckerbergs Privacy-Pamphlet