Thomas Mann – der Zauberberg

Unglaublich ist, wie sich am Ende, im wirklich allerletzten Kapitel, alles fügt.

Aber bis dahin …

… ist der Zauberberg ein Buch das über weite Teile anmutet wie eine reine Fleißarbeit des Autoren: Nochmal hundert Seiten über gar nichts hinten dran? Kein Problem.

… und eine Herausforderung und Zumutung für Leser*Innen: Schon wieder Settembrini und Naphta und ihre nicht enden wollenden Gespräche über (was eigentlich?). Da ist Hans Castorps Schwärmerei für die Chauchat schon einer der fesselndsten Teile des Werkes.

Aber das Ende …

Technologie und Überwachung

Eine Reihe von Artikeln, Zitaten und Beobachtungen der vergangenen Tage:

„[T]he more I look around, the more it seems like an American social credit system is springing up around us“ – so Casey Newton im The Interface-Newsletter vom 26. Juni.

Nur drei von diversen Beispielen, die er nennt:

  • In May, Uber said it would begin to ban passengers with low ratings.
  • The same day the Uber report came out, Susie Cagle profiled PatronScan, a company that aggregates lists of people who have been banned from bars and shares that information with other establishments.
  • Dartmouth researchers this week announced a system for measuring employee performance using a smartphone, fitness bracelet, and custom app.

Dazu passt, was Adrian Daub in der NZZ über das Netzwerk Nextdoor schreibt:

Nextdoor heisst die weltweit grösste Nachbarschafts-App. Wenn sich die Menschen gegenseitig helfen, ist dies eine tolle Sache. Doch aus der Hilfe für Nachbarn wird schnell eine Überwachung aller Nichtnachbarn: In San Francisco lässt sich beobachten, wie sich die Stadt in homogene Gruppen auseinanderdividiert.

Und passt dazu auch, was Benedict Evans hier in einem Twitter-Thread schreibt?

Sometimes saying that Google or Facebook control what happens on their platforms seems a little like saying that a government controls what happens in a country or a central bank controls an economy. They have levers to channel behavior, but those levers are not precise.

Stephen King – The Shining

Weil ich gewahr wurde, dass es eine Fortsetzung namens Doctor Sleep gibt (die gerade verfilmt wurde) las ich zum ersten Mal King – und bin überrascht, wie gut er schreibt. Die Schilderung der von vielen kleinen und großen Traumata geplagten Kleinfamilie hätte mich auch schon ohne Horror-Elemente überzeugt.

Natürlich konnte ich das Buch nicht ohne die Kubrick-Verfilmung im Hinterkopf lesen: Die Geschichte auf das wesentlichste zu reduzieren und so aus einem schon sehr guten Buch einen noch besseren Film zu machen ist eindrucksvoll.

Colin Crouch – Postdemokratie

Das schönste an meiner Lektüre von Postdemokratie ist, dass sie nach der Europawahl in eine Zeit fällt, in der die Kernidee des Buches vollständig widerlegt wird – durch eine lebendige Zivilgesellschaft, die zu unvorhergesehenen Wahlergebnissen und neuen politischen Konstellationen und Perspektiven führt.

Wobei ich Colin Crouch damit eigentlich nicht gerecht werde, denn er warnt selbst davor, seine Schilderungen allzu ernst zu nehmen: „Wir müssen uns davor hüten, die Bedeutung dieser Vorgänge zu übertreiben“, schreibt er etwa in seinem Kapitel zum „Phantomunternehmen“, das in der Tat mit 99 Prozent des Wirtschaftsgeschehens nicht das geringste zu tun hat.

Damit ist auch eines der grundlegenden Probleme markiert, die ich mit seinen Thesen habe: Sie sind kaum falsifizierbar. Es lassen sich im Grunde immer irgendwo „Teams professioneller PR-Experten“ finden, das Engagement der Bürger lässt sich immer aus irgendeinem Blickwinkel als „passiv, schweigend, ja sogar apathisch“ verbrämen, Politik wird immer auch „hinter verschlossenen Türen gemacht“ und sie wird immer auch „die Interessen der Wirtschaft vertreten“. Solche Sätze kann man eigentlich nur formulieren, wenn man Politik für einen Monolithen hält, der keine unterschiedlichen Akteure mit widerstreitenden Interessen zulässt, die unterschiedliche Dinge zur gleichen Zeit tun – wenn man die Möglichkeit von Demokratie also eigentlich ausschließt.


Dabei darf der Einfluss von „Postdemokratie“ nicht unterschätzt werden. Nahezu alle darin vertretenen Konzepte, von der Lobbyismuskritik bis hin zu dem herablassend-paternalistischen Bild der Bürger gegenüber den Medien und der sich an Naomi Klein anlehnenden Unternehmensauffassung wird seit Jahren heruntergebetet, wenn es um besonders schlichte politische Kritik geht. Anfangs noch in der politischen Linken und inzwischen, weiterentwickelt und mit anderen Begrifflichkeiten, weit darüber hinaus.

Postdemokratie führt einem damit in bedrückender Weise die Denkfaulheit und Unterkomplexität der (linken) politischen Philosophie der vergangenen Jahre vor Augen. Damit reiht es sich ein in die Fantastereien vom „kommenden Aufstand“ und vom „linken Populismus“: allesamt wirkungslos bis schädlich.

Florian Meinel – Vertrauensfrage: Zur Krise des heutigen Parlamentarismus

Aufgrund einer Besprechung in der ZEIT ungehend erworben (Kindle, daher kein Titelbild), zügig durchgelesen und mit fast 200 Anmerkungen versehen. Ein Buch, mit dem ich mich noch lange beschäftigen werde und eine dringende Empfehlung an alle, die sich für Politik, parlamentarische Demokratie im Allgemeinen und insbesondere die deutsche interessieren. So etwas hätte ich gerne schon in meinem Studium der Politikwissenschaft gelesen.

Thomas Mann – Dr. Faustus

ich könnte es mir sehr einfach machen und feststellen, dass Doktor Faustus ein quälend langweiliger Schinken voll von Pappkameraden ist, die hereingeschoben werden, um hochtrabend-blasierte Diskurse zu Philosophie, Geschichte, Musik – vor allem Musik – zu führen und dann auf nimmer wiedersehen herausgeschoben werden.

Denn die bloße Handlung dieser Variation des Faust-Stoffes rechtfertigt ihre fast 700 Seiten nicht annähernd. Es wird geredet, philosophiert, es werden Teilnehmer noch eines und noch eines Herrensalons eingeführt, die dann reden und philosophieren, dass einem der Kopf schwirrt.

Aber natürlich täte ich diesem Alterswerk Thomas Manns damit unrecht. Denn auch mir als unbedarftem Leser verschloss sich nicht vollständig, dass es sich wohl um einen Gesellschaftsroman handelt, um eine Reflexion auf Kunst und Künstler, um eine Allegorie auf den Nationalsozialismus, wenn auch eine fragwürdige, denn die Nazis kamen nun nicht über die Deutschen, wie der Teufel über Faust.

Das steckt da sicher alles irgendwo drin;  dass es aber nicht einfach zu entschlüsseln ist, darauf verweist immerhin die Sekundärliteratur Die Entstehung des Doktor Faustus vom selben Autor, gewissermaßen der Roman zum Roman, heute würde man vielleicht Making Of sagen. Und werde ich das auch noch lesen? Ich fürchte ja …

Accountverzicht

Vor vielen Jahren habe ich mit ebenso großer Begeisterung wie Sorglosigkeit jeden Webdienst, jedes Online-Tool, das mir unterkam, ausprobiert. Daran erinnern mich heute die immer regelmäßiger eintreffenden Hinweise auf „Sicherheitsvorfälle“, oft von Accounts, die ich längst vergessen habe.

Eine Konsequenz daraus ist meine immens gewachsene Zurückhaltung, wenn es darum geht, mich irgendwo neu anzumelden. Mein Vertrauen in die Sicherheit von Logindaten ist dahin. Verlage oder Shops, die Käufe nur mit Account zulassen, meide ich; auf Webdienste, die ich nicht sicher brauche, verzichte ich. Verlagsangebote wie das der FAZ, wo man ein E-Paper einfach nur mit E-Mail-Adresse erwerben kann, schätze ich hingegen.

Und klar: Wenn ich mich irgendwo neu anmelde, dann mit sicherem Passwort über einen Passwortmanager. Aber machen Sie das mal auf dem Smartphone. Das sind selbstgewählte Hürden, die auch abeschreckend wirken.

Thomas Mann – Tagebücher 1933-1934

Der Reiz von Thomas Manns Tagebüchern – oder Tagebüchern im allgemeinen – ist schwer zu beschreiben. Oft sind die Einträge monoton-meditativ, der Tagesablauf aus Arbeit, Briefen, Spaziergängen und Besuch, immer wieder scharfe Kommentierungen zur politischen Situation in Deutschland, das regelmäßige Hadern mit dem und Zweifeln am jeweils im Entstehen begriffenen Werk – hier vor allem die Joseph-Romane.

Der Band setzt im März 1933 ein, als Thomas und Katja Mann in der Schweiz sind. Sie sollten in diesen beiden wie in den Folgejahren deutschen Boden nicht betreten, sondern diverse Hotels und Domizile in der Schweiz bewohnen, unterbrochen von einer Reise in die USA.

Die Situation war nachvollziehbar belastend, auch wenn die Manns zu keinem Zeitpunkt in finanzielle Schwierigkeiten gerieten, im Gegenteil. Jedoch auffallend: Thomas und Katja Mann nehmen ständig Schlafmittel.

Amüsant: Wie es ihn fuchst, dass ihn auf der Schiffsreise nach Amerika kaum einer der anderen Passagiere kennt – und sie ihn und Katja sogar zu meiden scheinen:

Schuld an dem Unbehagen ist vor allem das besonders niedrige geistige Niveau unserer Tischgenossenschaft. Ich kann mich gewisser Empfindungen der Beschämung angesichts der herrschenden völligen Unbekanntschaft mit meiner Existenz nicht entschlagen. Es fehlt an jeder orientierten Aufmerksamkeit auch vonseiten des Kapitäns.

Eintrag vom 28. V. 34, Dampfer Volendam

Einer Amerikanerin muss er einige seiner Buchtitel in den Block diktieren, was er kaum erträgt.